Die diesjährige Berlinale wurde überschattet von politischen Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten zum Gazakrieg, bei der Preisverleihungsgala kam es zu einem Eklat. Der Ruf der Berlinale steht auf dem Spiel. Dazu mehr in meinem Artikel Die Berlinale 2026 und die Politik.
Hier soll es zunächst um das Zentrum eines jeden Festivals gehen: um die Filme.
Es war ein vielschichtiger Wettbewerb dieses Jahr mit mehreren richtig guten Filmen, auch wenn das alles überragende Meisterwerk fehlte. Dafür gab es drei Filme, die wie Jury-Präsident Wim Wenders auf der Preisverleihung sagte, fast ebenbürtig seien.
Gold und Silber für deutsche Filme
Den Goldenen Bären bekam schließlich ein politischer Film: İlker Çataks GELBE BRIEFE. Der oscarnominierte Regisseur (DAS LEHRERZIMMER) erzählt in seinem Drama die Geschichte eines türkischen Künstlerehepaares aus Ankara, das in Konflikt mit dem repressiven türkischen Staatsapparat gerät. Die Folgen: Berufserbot, Verlust der Existenzgrundlage, Exil. (siehe Berlinale Filmkritik vom 18.2.26)
Ein Goldener Bär für einen deutschen Film – das hat es das letzte Mal vor 22 Jahren gegeben. Damals bekam Regisseur Fatih Akin die höchste Auszeichnung für sein wuchtiges Drama GEGEN DIE WAND. Und wieder ist es mit İlker Çatak ein deutscher Regisseur mit türkischen Wurzeln, der mit dem höchsten Preis des Festivals ausgezeichnet wird.
Es ist ein gutes Berlinale-Jahr für das deutsche Kino. Den silbernen Bären für ihre wahrhaft beeindruckende Darstellung in dem Film ROSE bekam Schauspielerin Sandra Hüller, Regie führte der Österreicher Markus Schlenzer. Hüller, die durch Filme wie THE ZONE OF INTEREST und ANATOMIE EINES FALLS international Aufsehen erregte und viele Preise gewann, spielt diesmal eine Frau im 17. Jahrhundert, die „in die Hose steigt“, sich als Mann ausgibt. Auf den Schlachtfeldern des 30ig jährigen Krieges nimmt sie die Identität eines getöteten Gutsbesitzers an und erwirbt so Land und Hof in einem Dorf.
Ein in schwarz-weiß gedrehtes beeindruckendes Historiendrama zum Thema der Rolle der Frau vor 400 Jahren, das Sandra Hüller mit ihren ganzen Schauspielkunst plus dem Mut zur Entstellung auf einmalige Weise trägt.
Politisches Kino und intime Blicke auf die Probleme unserer Zeit
Von Konflikten, die unsere heutige Welt global bedrängen und immer wieder zu rassistischen Kämpfen und Kriegen führen, erzählt der türkische Regisseur Emin Alper. Für seinen Film KURTULUS / SALVATION, der nicht nur dank seiner bildstarken Komposition im Gedächtnis bleibt, wurde ihm der Silberne Bär, der Große Preis der Jury, verliehen.
KURTULUS schildert anhand einer Parabel über zwei verfeindete Dörfer in Anatolien, wie ethnische Konflikte, Aberglauben, Rassismus und Geltungsmacht zu einer fortschreitenden Radikalisierung führen. Die Ressentiments der Bewohner eines Bergdorfs richten sich gegen einen Clan, der in das untere Dorf zurückgekehrt ist. Anschaulich zeigt das Werk, wie sich die Hetzte gegenüber den Anderen, den Fremden verdichtet und schließlich zu einem Zusammenprall mit furchtbaren Folgen führt.
Der Film hat eine enorme Dichte und Spannung und überzeugt durch seine aktuelle universelle Botschaft.
Bei seiner Dankesrede betonte Regisseur Alper, wie wichtig die Toleranz gegenüber Andersdenkenden sei und sprach sich für Empathie von Kriegs-und Gewaltopfern in aller Welt aus, nicht nur der Menschen in Palästina , sondern auch der Kurden, der Menschen im Iran und in der Türkei. Sein Ausruf „Ihr seid nicht allein“ wurde mit viel Beifall belohnt.
Lanz Hammers bewegendes Drama QUEEN AT SEA, eine schonungslose, eindringliche Studie über Demenz, wurde gleich zweimal ausgezeichnet.
Juliette Binoche spielt die erwachsene Tochter einer demenzkranken Frau. Als sie ihre labile Mutter beim Sex mit ihrem Partner überrascht, meint sie eingreifen zu müssen und zeigt ihren Stiefvater an. Doch handelt es sich tatsächlich um eine Vergewaltigung? Der Film geht der Frage nach, inwieweit erwachsene Kinder über das Leben ihrer Eltern mitentscheiden dürfen und ab wann Selbstbestimmung nicht mehr gilt.
QUEEN AT SEA bekam zu Recht den Silbernen Bären, Preis der Jury. Darüber hinaus wurden die Darsteller, das „Filmehepaar“ Anna Calder-Marshall und Tom Courtney für ihre wahrhaftige Darstellung als beste Nebendarsteller geehrt.
Die Suche nach der inneren und äußeren Heimat
Den Preis für die beste Regie nahm der britische Regisseur Grant Gee für seinen Debütfilm EVERYBODY DIGS BILL EVANS entgegen. Sein kunstvoll verwobenes Biopic über den legendären Jazz Pianisten Bill Evans spiegelt auf grandiose Weise das Innenleben und die Zerrissenheit dieses musikalischen Genies.
Nach der Pressevorführung des Films war mir klar, dass dieses Werk auch ein Favorit des Jurypräsidenten Wim Wenders sein könnte. Es sind die Close Ups einer großartigen Kamera, vorwiegend in schwarz-weiß, die den Look der 60er-Jahre im Jazz widerspiegeln kombiniert mit Bill Evans bekanntesten und ikonischstem Stück „Waltz for Debby“ die gleich zu Anfang einen Sog erzeugen. Dazu kommt eine raffinierte Dramaturgie und die überzeugende Schauspielleistung des Norwegers Anders Danielsen als Bill Evans. Danielsen ist nicht nur ein hervorragender Schauspieler, sondern auch ausgebildeter Pianist.
EVERYBODY DIGS BILL EVANS ist ein Film, dessen Bilder weit über den Festivalrausch hinaus bestehen bleiben
Den silbernen Bären für das beste Drehbuch verlieh die Jury an die Kanadierin Geneviève Dulude-De Celles für ihren Film NINA ROZA, eine Geschichte über Migration und Heimatverlust, auch visuell eindrücklich erzählt. Der Film schildert die Reise eines Kurators und Kunsthändlers aus Kanada, der nach 28 Jahren wegen eines geschäftlichen Auftrags seine Heimat Bulgarien wieder betritt. Ein bewegender Trip in die Vergangenheit, der viele längst verloren geglaubten Gefühle des nur scheinbar kühlen Mannes wieder wachruft.
NINA ROZA ist ein Film, der wenig Worte braucht, beeindruckend die verhaltene und gleichzeitig empathische Performance des Hauptdarstellers Galin Stoev.
Fazit
Es war ein vielseitiger Wettbewerb mit insgesamt 22 Filmen, auch wenn die ganz großen Namen fehlten. Wie schon oft konstatiert, ist einer der entscheidenden Gründe dafür die Terminlage der Berlinale im Februar, kurz vor den Oscars. Die werden dieses Jahr am 16. März verliehen und erwartungsgemäß sind viele Filmschaffende in den USA auf PR-Tour unterwegs.
Dennoch ist die Palette der gezeigten Wettbewerbsfilme beeindruckend: vom politischen Gegenwartskino, über den Historienfilm, einen australischen Western und ein Biopic, bis hin zur Gesellschaftssatire und zum Anime. Und im Vergleich zum letzten Jahr ist das Niveau der Filme deutlich gestiegen, Werke wie zum Beispiel Lance Hammers QUEEN At SEA, Markus Schleinzers ROSE oder Grant Gees EVRYBODY DIGS BILL EVANS wären auch Kandidaten für Cannes und Venedig gewesen.
Viele Geschichten veranschaulichen im Privaten die großen weltpolitischen Probleme. Es gab eine Reihe von Werken, die den Mikrokosmos Familie unter die Lupe nahmen, daneben Filme, die Vereinzelung und Entfremdung thematisierten und die gesellschaftliche Schere zwischen Arm und Reich im Blick hatten.
Die 76. Berlinale – ein Festival, das Erschütterungen voraussah und versucht hatte, ein politisches Beben zu verhindern. Die 76. Berlinale ist nicht wegen der Filme, sondern wegen der Debatten zum Nahostkonflikt ins Wanken geraten. Es wäre schön gewesen, wenn es zum Schluss doch um das gegangen wäre, was ein großes internationales Filmfestival ausmacht: die Vielfalt des Kinos.