Das 8. Griechische Filmfestival in Berlin - ein Resümee

Das 8. Griechische Filmfestival in Berlin - ein Resümee

Die geschönte Postkartenidylle von Griechenland – Sonne, glitzerndes Meer, Lebensfreude – sie war auf dem 8. GRIECHISCHEN FILMFESTIVAL IN BERLIN nicht zu sehen – und das war gut so.

Die meisten Spielfilme zeigen eine rauhe Kulisse, oft in den Wintermonaten gedreht, mit grauem Licht und schwerem Meer, oder das hektische Gesicht der Stadt Athen: Verkehr, Müll, Stress. Griechenland und seine Menschen acht Jahre nach der Krise: die Filme erzählen von Verschuldung, illegalen Geschäften, Korruption, Xenophobie und der Zerrissenheit der Familie. Sie schildern eine Gesellschaft im Umbruch, es ist spannend zu sehen, wie sich die unterschiedlichen Filme, ihre Sichtweisen, ihre filmische Ästhetik zu einem Spiegel des aktuellen Zustands Griechenlands und seiner Menschen verdichten. Trotz der oft harten Sujets zeichnet die meisten Werke ein besonderer, zum Teil sarkastische Humor aus: Lächeln statt Depression, Trotz statt Hoffnungslosigkeit.

Das GRIECHISCHE FILMFESTIVAL IN BERLIN ist inzwischen ein wichtiger und unverzichtbarer Treffpunkt von griechischen und deutschen Cineast*innen, Regisseur*innen, Schauspieler*innen und Produzent*innen. Auch dieses Jahr bot es wieder interessante Einsichten in das aktuelle griechische Filmschaffen.
Insgesamt 35 Werke, Fiction, Dokumentationen, Kurzfilme, Special-Screenings, hat das Filmfest in 5 Tagen präsentiert. Ich habe mich auf die Spielfilme konzentriert. Im Mittelpunkt der 8. FESTIVAL EDITION stand die EMERGING GREEKS COMPETITION, der Wettbewerb. Fünf Spielfilme, Werke aufstrebender Filmemacher (Debüts und zweite Filme) konkurrierten um den Hauptpreis, dotiert mit 1000 Euro. Der Film BLACK STONE von Spiros Jacovides war der Gewinner und das wurde mit Zufriedenheit vom Publikum goutiert.

Der Film handelt von einer griechischen Mutter, die ihren behinderten Sohn betreut und verzweifelt nach ihrem zweiten Sohn Panos sucht. Panos ist Beamter, der Versorger der Familie, plötzlich ist er verschwunden. Untergetaucht? Das klingt nach einem Drama – ist es aber nicht.
Dass der Film trotz seiner Tragik auch urkomisch ist, liegt an seiner Machart. Regisseur Spiros Jacovides spielt mit Mockumentary Elementen, er schiebt eine weitere Ebene ein: ein fiktives Filmteam beobachtet das ganze Geschehen.
Während der Recherche zum Thema „vermisste Beamte“ stößt dieses Team im Film auf Haroula, die Mutter des Verschwundenen. In der Annahme, das Fernsehen würde ihr bei der Suche nach ihrem Sohn helfen, lässt Haroula die Filmcrew in ihr Leben, alles was sie unternimmt, wird nun rund um die Uhr gefilmt. Wir sehen sie, wie sie sich um ihren behinderten Sohn kümmert und alles Menschenmögliche unternimmt, um ihren Panos zu finden. Sie lässt auch nicht ab, als Panos des Betrugs beschuldigt wird und gerät immer tiefer in einen Strudel von seltsamen Ereignissen. Als ihr ein griechisch-afrikanischer Taxifahrer – großartig gespielt von dem Schauspieler und Musiker Kevin Zans Ansong – bei der Suche seine Hilfe anbietet, fängt sie an, ihre xenophoben Vorurteile gründlich zu überdenken.

Haroula – unnachahmlich gespielt von der Schauspielerin Eleni Kokkidou – ist die Seele des Films. Sie verkörpert die „griechische Mana“ schlechthin, aufopfernd bis zu Selbstaufgabe, übergriffig, stur, aber von lebenslanger Zärtlichkeit und Fürsorge für ihre Familie und ihre Kinder. “Die treibende Kraft hinter unserer Geschichte ist unsere Protagonistin, die griechische Mutter Haroula und ihr Universum“, sagt Spiros Jacovides. Er ist Autor, Produzent und Regisseur. Nach drei Kurzfilmen ist
BLACK STONE sein erster Spielfilm und war bereits beim Filmfest in Thessaloniki 2022 ein Erfolg. Sein Film strotzt vor kleinen, humorvollen Einfällen.
In seiner fiktiven Geschichte über das wahre Leben zeigt Jacovides eine griechische Familie, eine Gesellschaft, ein ganzes Land im Werte-Zerfall. „Dies ist der komisch-tragische Versuch einer traditionellen griechischen Familie, die versucht, sich an eine neue griechische Realität in einer sich verändernden Welt anzupassen“, kommentiert Jacovides.

Ein weiterer Spielfilm im Wettbewerb lag auch in der Gunst des Publikums weit vorne: DIGNITY von Dimitris Katsimiris. Ein universelles Thema: die Pflege der Eltern nach gesundheitlichen Einbrüchen. Eine Familie im Kampf-Modus: wer versorgt den kranken Vater?

Zum Geburtstag des Vaters versammeln sich die Geschwister und ihre Partner beim ältesten Sohn und seiner Frau. Die beiden pflegen den Vater, der nach einem Schlaganfall schwer behindert ist. Beim Eintreffen zunächst freundliches Geplänkel, Konversation, die eine heile Welt beschwören soll. Doch bald folgen Anspielungen, Ausfälle, Drohungen, Tränen, Beleidigungen – menschliche Kommunikation auf unterster Ebene. Hintergründig entlarvt Katsimiris die Abgründe der Familie, die nach außen hin das Bild des fürsorglichen Zusammenhalts aufrechterhält und sich im Privaten bis aufs Messer bekämpft und verletzt.
Die Pflege des Vaters, niemand will sie übernehmen.
Die einzelnen Familienmitglieder repräsentieren auch beispielhaft ein Stück der griechischen Gesellschaft: eine Tochter, die durch ihre Heirat mit einem reichen Architekten in die Upper-Class aufgestiegen ist und ein Luxusleben führt, der frustrierte Bruder und verschuldete Tavernenbesitzer und seine Frau, die die Pflege des Vaters nicht mehr übernehmen wollen und der jüngste Sohn, einst vielversprechend, jetzt gescheitert, ein Spieler und Alkoholiker. Ein Familientreffen mit Abgründen.

Die Art, wie Katsimiris das erzählt, erinnert an Roman Polanskis DER GOTT DES GEMETZELS. Nicht ganz zufällig, Katsimiris hat neben mehreren Kurzfilmen auch zwei Theaterstücke geschrieben, ein Kammerspiel zu inszenieren lag nah. Sein Film beginnt in einem rasanten Tempo und das hält er bis zum Ende durch. Er hat mit seinen Schauspielern viele Wochen geprobt, gedreht wurde dann in einem Rutsch von nur sieben Tagen. Herausgekommen ist ein dichter und intensiver Film, trotz der ernsten Thematik in seiner entlarvenden Schärfe unterhaltsam und witzig.

Ganz anders MAGNETIC FIELDS von Georgios Gousis. Der ehemalige Comic-Künstler Gousis erzählt in seinem Roadmovie von Elena und Giorgos, zwei Menschen, die sich zufällig auf einer Insel kennen lernen. Sie, eine desillusionierte Tänzerin, er ein verschlossener Büroangestellter. Sie nimmt den Kontakt auf, er scheint anfangs nicht sehr interessiert, eine langsame Annäherung. Es ist Winter, man meint den eisigen Wind zu spüren, das Meer ist wild und dunkel. Giorgos hat eine Metallkiste dabei, sie enthält die Asche seiner Tante, er will sie auf der Insel begraben.

Das klingt düster, wäre da nicht dieses Augenzwinkern, diese Ironie, mit der Gousis seine Figuren und die absurde Situation beobachtet. Die beiden fahren über die Insel, es scheint keinen passenden Ort für die Tante zu geben. Doch auf ihren langen Erkundungsfahrten lernen sie sich immer besser kennen, zwei Einzelgänger, die zumindest für einige Zeit dem Moloch der Großstadt, ihren Verpflichtungen, den Zweifeln und Existenzängsten entkommen wollen.

Der Film entstand zu Pandemiezeiten, „sonst hätte ich ihn auch nicht so drehen können“, erzählt Gousis. Die fast menschenleere Insel ist eine einmalige Kulisse für die Schauspieler*innen. Das Werk ist ein Gemeinschaftsprojekt, nach einem losen Script improvisierte der Regisseur gemeinsam mit seiner Hauptdarstellerin, der Tänzerin, Choreographin und Schauspielerin Elena Topalidou und dem Schauspieler Antonis Tsiotsiopoulos. Gedreht wurde in 15 Tagen auf der Insel Koufonisia.

Das Beste aus der aktuellen, griechischen Filmproduktion zu zeigen, das ist das Ziel der Festivaldirektorin Sofia Stavrianidou. Ihr ist es wichtig, den Festivalcharakter zu stärken: ein Filmfest mit einem kuratierten Programm, mit Wettbewerbsfilmen, Preisen, Eröffnungs-und Abschlussfilm. Mit sechs internationalen, drei europäischen und 18 deutschen Erstaufführungen zeigte die 8. FESTIVAL EDITION eine spannende Palette an Filmen. Sofia Stavrianidou wollte dieses Jahr „ein bisschen leichter sein“, sagt sie, es war ihr und ihrem Team wichtig dass “wir uns ein bisschen von der „Weird Wave“ entfernen“.
So war auch der diesjährige Eröffnungsfilm WHERE WE LIVE von Sotiris Goritsas ein gelungener Mix aus Drama und Komödie.
Im Mittelpunkt ein junger Anwalt. Ausgerechnet an seinem Geburtstag überstürzen sich die Ereignisse. Ein Chaos von Verpflichtungen hält ihn in Atem, scheint unentwirrbar. Aus Freundschaft hat er ein aussichtloses Mandat für einen ehemaligen Schulfreund übernommen, sein Vermieter macht Druck, die getrennt lebenden Eltern nerven, der Vater ist in dunkle Geschäfte mit albanischen Schmugglern verwickelt. Temporeich und mit Witz erzählt der bekannte Regisseur Goritsas von kleinen und großen Katastrophen innerhalb von 24 Stunden im heutigen Athen.Und dann gab es doch noch einen Wettbewerbsfilm, der sich auf die Stilmittel der sogenannten „Greek Weird Wave“ bezieht. SILENCE 6-9 von Christos Passalis.
„Greek Weird Wave Cinema“, ein vor allem von Kritikern geprägter Begriff, ausgehend von Filmen des griechischen Regisseurs Georgos Lanthimos. Sein Film DOGTOOTH trat 2009 einen Siegeszug auf den internationalen Filmfestivals an. Andere Regiseur*innen u.a. Athina Rachel, Panos H. Koutras folgten. Streng gestaltete, stilisierte Bilder, eine eher statische Kamera, Schauspieler*innen in ihrem Spiel verhalten, Marionetten in einem unüberschaubarem Kosmos, das sind einige Merkmale des „Greek Weird Wave Cinema“.
Angelehnt an diesen Stil zeichnet Christos Passalis in SILENCE 6-9 eine dystopische, unwirkliche Welt, ein Universum in einem seltsamen Grenzbereich zwischen Wachen und Träumen. Er erzählt von Aris und Anna, die sich abends in einer halbverlassenen Stadt begegnen, zwei Menschen, die in einer feindlichen Außenwelt zusammenfinden.
Regisseur Passalis selbst spielt den Aris, Anna ist die bekannte Tänzerin, Choreographin und Schauspielerin Angeliki Papoulia, die Beiden spielten schon in Lanthimos DOGTOOOTH zusammen.
SILENCE ist Passalis erster Spielfilm als Regisseur. Die Welt, die er vorstellt ist öde, gezeichnet von Verfall. Überall in der halbverlassenen Stadt gibt es Antennen, die seltsame Töne aussenden. Sie ermöglichen die Übertragung menschlicher Stimmen, Rufe aus dem Jenseits? Eine surreale, kafkaeske Geschichte, die mich unmittelbar gepackt hat.
Passalis zeigt eine düstere Version der Gesellschaft und ihrer Menschen, es geht um Verlust und Trauer um „das nicht loslassen können“. Und dennoch hat der Film mit den beiden Liebenden eine tröstliche Botschaft: „Es gibt zwei Kräfte, Angst und Liebe. Das Gegenteil von Angst ist nicht Mut, es ist Liebe. Am Ende des Tages handelt der Film von einer sehr verängstigten Gesellschaft – der einzige Weg dieser Angst zu entkommen, ist zu lieben“ sagt Passalis über seinen Film.

Erstaunlich, wie viele unterschiedliche Eindrücke das 8. GRIECHISCHE GRIECHISCHE FILMFESTIVAL IN BERLIN bei mir hinterlassen hat. Blicke in den Zustand des aktuellen, griechischen Filmschaffens, mal heiter, mal ironisch gebrochen, meistens mit leichter Hand erzählt, aber auch apokalyptisch gespiegelt. Bilder die bleiben, Geschichten die ich erinnere. Mehr kann ein Filmfestival eigentlich nicht leisten. Weiter so!

Spiros Jacovides, Regisseur BLACK STONE, copyright Griechisches Filmfestival Berlin
BLACK STONE, Regie: Spiros Jacovides, copyright Griechisches Filmfestival Berlin
SILENCE 6-9, Regie: Christos Passalis, copyright Griechisches Filmfestival Berlin
WHERE WE LIVE, Regie: Sotiris Goritsas, copyright Griechisches Filmfestival Berlin
Festivaldirektorin Sofia Stavrianidou (links), copyright Griechisches Filmfestival Berlin
Abschlusszeremonie im Kino Babylon, copyright Griechisches Filmfestival Berlin
copyright Griechisches Filmfestival Berlin

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