Sind Hühner wirklich dumm? Diese Frage beschäftigte mich, nachdem ich den humorvollen, aber auch gesellschaftskritischen Film LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS von György Pálfi in der Pressevorführung gesehen hatte.
Die Antwort ist: Nein. Hühner sind nicht dumm, sie besitzen einige ungeahnte Fähigkeiten. Sie können zum Beispiel Gesichter von Artgenossen, aber auch von Menschen erkennen, sie haben eine eigene Sprache und benutzen über 30 verschiedene Laute, um Gefahren zu signalisieren, Futter zu verlangen oder ihre Befindlichkeiten auszudrücken. Sie zeigen Empathie, wenn ihre Küken oder Artgenossen leiden und sie können angeblich sogar einfache mathematische Grundregeln anwenden.
Die Redensarten vom „dummen Huhn“ oder dem „blinden Huhn, das auch mal ein Korn erwischt“ sind also Beobachtungen aus der Menschenperspektive auf das Huhn – ziemlich einseitig, oder?
Genau darum geht es in Pálfis Film. Allerdings kehrt er die Perspektive um, der Mensch blickt nicht auf das Huhn, sondern das Huhn blickt auf die Menschenwelt – und die ist ziemlich verstörend.
LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS ist eine originelle Tierfabel, die Pálfi gemeinsam mit Co-Autorin Zsófia Ruttkay aus der Bodenperspektive einer geflüchteten Henne erzählt. Es ist die teilweise komische, dann wieder ernste und sehr präzis konzipierte Geschichte einer Henne.
Sie schlüpft in einer industriellen Legebatterie aus dem Ei und ist im Gegensatz zu ihren gelben, flauschigen Verwandten schwarz, äußerst unternehmenslustig und erfinderisch.
Auf abenteuerliche Weise gelingt es dem Tier, den Förderbändern der Geflügelindustrie zu entkommen und aus der Geflügelfabrik zu fliehen. Draußen beginnt erst der wahre Stress, doch die Henne schafft es, einem Fuchs zu entwischen und entgeht auch dem Suppentopf eines Lastwagenfahrers, der sie am Straßenrand aufgelesen hat.
Nach einigen abenteuerlichen Umwegen landet das Tier schließlich auf einem Hof, in dem Hühnerstall eines alten Griechen. Sein Gehöft mit einer heruntergekommenen Taverne liegt am Meer in Grenznähe und hat die besten Tage hinter sich. Eine Schmugglerbande geht inzwischen dort ein und aus und betreibt ihre schmutzigen Geschäfte.
Humorvoll zeigt der Film, wie die Interessen zwischen Hühnern und Menschen diametral verlaufen. Während der alte Tavernenbesitzer täglich seine frischen Eier verlangt und sie akribisch einsammelt, träumt die Henne von einer Kükenschar. Sie hat ein Auge auf den Hahn geworfen und ist besonders erfinderisch im Entwischen aus dem Käfig, um einen privaten Brutplatz für ihren potentiellen Kükennachwuchs zu organisieren. Dabei durchkreuzt sie die kriminellen Vorhaben der Schleuser.
LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS ist mehr als ein putziger Film über die Odyssee einer Henne. Pálfi zeigt auch die Grausamkeit des menschlichen Treibens aus der Sicht des Federviehs, ungeschönt und brutal. Bereits zu Beginn des Films verweisen die Bilder moderner Massentierhaltung auf die Zustände in der industriellen Lebensmittelproduktion. Später auf dem griechischen Gasthof überwiegen die dramatischen Ereignisse.
Die Taverne dient den Schmugglern als Versteck, die flüchtenden Menschen werden nach ihrer Ankunft wie Tiere in einem Verschlag festgehalten, bis die Flucht weiter geht. Schreckliche Bilder, die, bitter genug, auch die Realität in der internationalen Schleuserszene spiegeln.
Der ungarische Regisseur und Drehbuchautor György Pálfi ist vielfach preisgekrönt und eine wichtige Stimme des europäischen Kinos. In Deutschland ist er bisher weniger bekannt. LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS ist sein zweiter Film, der hierzulande in die Kinos kommt.
Bekannt wurde Pálfi durch seine genreübergreifenden Werke, in denen er Fiktion, Dokumentation und Experimentelles miteinander verwebt und so die Grenzen des filmischen Erzählens immer wieder austestet. Zu seinen bekannten Filmen gehören u.a. HUKKLE – DAS DORF (2002, Debüt), TAXIDERMIA – FRISS ODER STIRB (2006), der experimentelle Collagenfilm FINAL CUT: LADIES UND GENTLEMEN (2012), FREE FALL (2014) und HIS MASTERS VOICE (2018). Tiere spielen im Werk Pálfis immer wieder eine wichtige Rolle, sinnbildlich, beobachtend oder als gleichwertige Akteure.
Die Idee, aus der Perspektive unserer „Erdenmitbewohner“, den Tieren, zu erzählen, ohne sie zu vermenschlichen ist nicht neu. Ich denke an prominente Beispiele wie EO, die berührende Leidensgeschichte eines Esels des polnischen Altmeisters Jerzy Skolimowski (2022, Preis der Jury in Cannes). Oder GUNDA von Viktor Kossakovsky (2020, Berlinale Encounters), ein eindrucksvoller Schwarz-Weiß-Film über das Leben eines Schweins aus dem Blickwinkel des Tieres, ohne Sprache und Musik. Andrea Arnolds genau beobachtender Dokumentarfilm COW (2021, Internationale Filmfestspiele Cannes) beweist, dass das Leben einer Milchkuh und ihrer täglichen Routine durchaus fesselnd sein kann, wenn es gelingt, ausschließlich in Augenhöhe des Tieres zu erzählen
Auch Pálfi setzt ganz auf sein Huhn, beziehungsweise seine Hühner, die Rolle teilen sich 8 tierische Hauptdarsteller, Eszti, Szandi, Feri, Enci, Eti, Enikő, Nóra und Anett. Sie punkten mit unterschiedlichen Talenten, eine Henne kann besonders schnell rennen, die andere sitzt erstaunlich lange still, die Nächste ist höchst kameraaffin im Picken und Scharren usw.
Mit großem Geschick und viel Geduld, einer beeindruckenden Kamera (Giorgos Karvelas) und einem raffinierten Schnitt (Reka Llehmhenyi) hat er diese Parabel über das Tier im Menschen und den Menschen im Tier in Szene gesetzt – spärliche Dialoge, feine Beobachtungen und ein gelungener Soundtrack (Szőke Szabolcs).
LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS schaut aus den Augen eines Federviehs auf das Leben der Menschen und entlarvt ihre Schwächen – ein schwarzhumoriger, berührender und bisweilen auch verstörender Blick auf unsere heutige Welt. Ein Film, der in Erinnerung bleibt, nicht nur, weil der Fleischkonsum, sicher nicht zum ersten Mal, neu überdacht wird.