Filmkritik MEHR DENN JE

Filmkritik zum Film: MEHR DENN JE

Allein umringt von Freunden – Helene (Vicky Krieps) und ihr Lebenspartner Mathieu (Gaspard Ulliel) sind eingeladen. Die alte Clique, gutes Essen, Champagner, doch Helene gehört nicht mehr dazu. Sie ist krank, vor kurzem wurde bei ihr eine seltene, unheilbare Lungenkrankheit diagnostiziert.
 
Eine Szene aus einem der intensivsten Filme, die ich seit langem gesehen habe – ein Film über die Liebe und den Tod. 
 
Die Freunde versuchen nett zu sein, zu überspielen, Hoffnung zu signalisieren. Doch die gutgemeinten Bemerkungen prallen bei Helene ab, sie kann die mitleidigen Blicke und Worte nur noch schwer ertragen, zieht sich zurück, tief in sich selbst. Helene und Mathieu sind seit vielen Jahren ein glückliches Paar, doch die Krankheit stellt alles in Frage. Obwohl Mathieu mit allen Mitteln versucht, Helene zu unterstützen, scheint sie sich immer weiter zu entfernen.
 
Die Regisseurin Emily Atef ist eine Meisterin, wenn es darum geht, weibliche Figuren zu zeigen, die sich mit existentiellen Fragen des Lebens auseinandersetzten. In ihrem Film DAS FREMDE IN MIR stellt sie eine Frau mit postnatalen Depressionen vor, in TÖTE MICH beschreibt sie eine Jugendliche, die sterben will. DREI TAGE IN QUIBERON, mehrfach preisgekrönt, erzählt von der Schauspielikone Romy Schneider – ein fiktionales Interview zeichnet ihre Zerrissenheit am Ende ihres Lebens nach. 
 
Emily Atefs neuer Film MEHR DENN JE erzählt von einer Frau, die weiß, dass sie bald sterben wird und von ihrem Mann, der nicht loslassen kann und will. Atef und ihrem Co-Autor Lars Hubrich geht es dabei weniger um den Prozess des Sterbens, sondern um die Frage, wie gehen Menschen mit dem nahenden Tod um? Wie verändern sich ihre Wahrnehmungen, wie verändern sich ihre Gefühle, die Beziehung? 
 
Auf sich selbst zurückgeworfen und auf der Suche nach Antworten begegnet die 33 jährige Helene im Internet „Mister“, einem Blogger aus Norwegen, ebenfalls unheilbar erkrankt. Seine Art zu schreiben und das Leben zu betrachten fesselt Helene. „Mister“ schildert sein Leiden nicht larmoyant, sondern eher distanziert beobachtend. Die Schönheit der norwegischen Natur auf den Fotos fasziniert sie und so reift ihr Entschluss, allein nach Norwegen zu reisen. Trotz heftiger Auseinandersetzungen mit Mathieu, er hat Angst um sie, will sie nicht allein fahren lassen. Doch Helene folgt ihrem Instinkt und tritt die Reise an. Norwegen. „Mister“ überlässt ihr in Norwegen eine kleine Hütte am Meer, sie entwickeln eine zarte Freundschaft unter Seelenverwandten. Die großartige Landschaft und die Frische des norwegischen Frühlings helfen Helene, Klarheit zu finden.
 
Vicky Krieps spielt Helene, zurückgenommen, tastend, auf der Suche. Wenn Helene in das kalte, norwegische Meer eintaucht, sich treiben lässt in den Wellen, ist das auch eine Metapher für ihr Ringen nach Atem und nach dem Leben. Man schaut ihr dabei zu, wie sie nach einem möglichen Weg sucht. Eine herausragende schauspielerische Leistung von Vicky Krieps, Die einfühlsame Kamera verdichtet die inneren Monologe von Helene, die sich in ihrem Gesicht spiegeln. Mit ihrem transparenten Spiel beeindruckte Vicky Krieps schon als Kaiserin Sissi in dem Film CORSAGE, als Monarchin im Zwiespalt zwischen Rückzug und der Suche nach Anerkennung.
 
Beide Filme mit Vicky Krieps in der Hauptrolle waren dieses Jahr bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes in der Reihe Un Certain Regard zu sehen, für MEHR DENN JE gewann sie den Preis für die Beste Darstellerische Leistung. Es ist aber auch das dichte, intensive Zusammenspiel zwischen Vicky Krieps als Helene und ihrem Film Partner Gaspard Ulliel als Mathieu das fasziniert – zwei Liebende, die lernen müssen, voneinander Abschied zu nehmen.
 
MEHR DENN JE ist ein Film über die Liebe und den Tod als integraler Bestandteil des Lebens. Es ist die intensive Liebesgeschichte zweier Menschen, die lernen müssen, das Unvermeidliche zu akzeptieren – loszulassen. Ein Film ohne Pathos, intim und schnörkellos und doch hoch emotional – ein Film, der lange nachklingt.
 
MEHR DENN JE OT: Plus que jamais
Emily Atef | NO, LU, DE, FR 2022 | 123 min
Mit Vicky Krieps, Gaspard ULLIEL, Bjørn Floberg, Jesper Christensen
Kinostart 02.12.2022

Meine Bewertung:

5/5

5/5

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