Filmkritik DIE GESCHICHTE VOM HOLZFÄLLER

Filmkritik DIE GESCHICHTE VOM HOLZFÄLLER

Stellen sie sich einen Menschen vor, der nur an das Gute glaubt, dessen Glas immer halbvoll und nie halbleer ist, der fest entschlossen ist, an den positiven Seiten des Lebens festzuhalten.

So ein Mensch ist Pepe der Holzfäller. Er lebt mit seiner Familie in einem abgelegenen Dorf im Norden Finnlands, umgeben von Schnee und Eis und viel Dunkelheit. Pepe ist ein Optimist, ein Mensch, der seine Kraft aus der Existenz seines Daseins schöpft.

Um ihn herum herrscht Streit und Chaos, doch das scheint ihn kaum zu berühren. Aber auch Pepe ist vor Schicksalsschlägen nicht gefeit. Er verliert seine Arbeit in einem Sägewerk, weil neue Investoren sein Dorf bevölkern und die Bodenschätze der Gegend in einer Mine ausbeuten werden. Dann stirbt seine Mutter plötzlich und viel zu früh, seine Frau betrügt und verlässt ihn, schließlich brennt auch noch sein Haus ab. Und damit nicht genug wird sein bester Freund zum mörderischen Psychopathen. Seltsamerweise nimmt Pepe das alles mit einem seltsamen Gleichmut wahr, ein Hiob der Gegenwart?

Der finnische Regisseur Mikko Myllylahti ließ sich in seinem Filmdebüt von einer realen Begegnung inspirieren, einem Holzfäller, der ihn in faszinierte und nicht mehr los ließ.

„Er erzählte mir von seinem Leben, wie er das Dorf und seine Familie verlassen musste, wie er alles verloren hat. Es war eine traurige Geschichte, aber er schien damit überraschend gut zurecht zu kommen. Er akzeptierte diese Schicksalsschläge mit einem Lächeln im Gesicht. Ich war verblüfft über die Haltung dieses in sich ruhenden Mannes. Als ob er darin einen tieferen Sinn erkennt, der nur ihm verständlich ist, einen Sinn, der ihn in seinem Dasein wurzelt. Je mehr ich über diesen Mann und seine Einstellung zum Leben nachdachte, umso mehr erkannte ich das Potenzial einer Geschichte: über die Möglichkeit der Hoffnung in unserer modernen Welt, die voller Unsicherheit und Angst ist“ Miko Myllylahti

DIE GESCHICHTE VOM HOLZFÄLLER ist ein surrealer Film über die Sinnfrage des Lebens in einem gottesfernen Kosmos. Die Menschen scheinen desillusioniert und enttäuscht. Abends spielt man stoisch Karten, der Alltag ist das Dorf, hier lebt man, kennt sich, arbeitet miteinander, hier in dieser kargen Schneelandschaft ist man geboren, hier wird man auch sterben. Und inmitten dieser Welt gibt es den Hoffnungsträger Pepe.

Regisseur Myllylahti hat nicht vor, Antworten zu geben auf die Sinnfrage des Lebens. Er stellt Fragen, lässt seine Figuren und seine Bilder sprechen. Es gibt keine gradlinige Geschichte, die erzählt wird, vielmehr sind es poetische, zum Teil märchenhafte und absurde Episoden mit schrägen, kauzigen Figuren, die man schon aus dem Kino von Aki Kaurismäki kennt und die auch hier die schwarzhumorige Atmosphäre ausmachen. In die Inszenierung schmuggeln sich immer wieder rätselhafte Vorkommnisse.
Es gibt brennende Autos, die ohne Fahrer durch das Bild rasen, ein sprechender Hecht orakelt Hoffnung und eine seltsame Gestalt, irgendetwas zwischen Prediger und Sänger, steht mit den Toten in Kontakt. Dann taucht noch eine geheimnisvolle Lichtkugel auf, die im Raum schwebt und durch die Bilder huschen merkwürdige Tiere.

Dass das alles ein fesselndes Ganzes ergibt und die Metaphorik funktioniert, liegt auch an dem überzeugenden Hauptdarsteller Jarkko Lahti, sein Pepe hat diesen verwunderten, manchmal fast kindlichen Blick auf das Geschehen, als wüsste er von einem Geheimnis, das sonst niemand kennt. Aus seinen Augen betrachten wir diese eigenartige Welt. Ein Filmwerk, das verwundert, erschreckt und verzaubert.

Myllylahti begann seine Laufbahn als Poet, er ist ein gefragter Dichter in Finnland. Dann machte er mehrere erfolgreiche Kurzfilme und schrieb, gemeinsam mit Juho Kuosmanen, das Drehbuch zu dessen Debütfilm DER GLÜCKLICHSTE TAG IM LEBEN DES OLIV MÄKI. 2016 gewann der Film bei den Filmfestspielen in Cannes den Hauptpreis in der renommierten Nebenreihe „En Certain Regard“. Sechs Jahre später, 2022, durfte Myllylahti seinen eigenen Debütfilm DIE GESCHICHTE VOM HOLZFÄLLER in Cannes als Weltpremiere vorstellen, in der Reihe „Semaine de la Critique“.

„Im Allgemeinen habe ich, vielleicht weil ich auch Dichter bin, schon immer eine Form des Kinos bevorzugt, die in der Lage ist, nach Transzendenz zu greifen, über Geschichtenerzählen und Worte hinauszugehen und das Geheimnis der Existenz auf eine Weise zu enthüllen, wie sie eher in der Poesie oder in abstrakter, bildener Kunst üblich ist. Das gesamte Werk von Robert Bresson ist ein großartiges Beispiel…Auch Pasolinis TEOREMA wegen seiner starken Allegorie …oder Bunuels Absurdität und Surrealismus. Ich bin ein großer Fan von Aki Kaurismäki, er ist wirklich ein Meister und einer der einflussreichsten Filmemacher der Geschichte des finnischen Kinos. Aber ich habe auch das Gefühl, dass uns einiges unterscheidet, vielleicht stehe ich mehr auf Surrealismus und Absurdität und meine Dialoge sind losgelöster von der Szene, in sich geschlossener und somit auf eine ganz andere Weise poetisch.“ Miko Myllylahti

Die spärlichen, abgehobenen Dialoge unterstützen die surreale Stimmung in Film. Die Protagonisten sprechen oft im Subtext, das heißt, sie tauschen sich kaum in geläufiger Umgangssprache aus, stattdessen formulieren sie ihre Bedürfnisse, Wünsche und Gedanken. Es sind keine Äußerungen, sondern eher poetische Statements, die Kinder und Erwachsene von sich geben – man fühlt sich an die Filmsprache von Wim Wenders HIMMEL ÜBER BERLIN erinnert, an die Szene, in der die Gedanken der Menschen in der Bibliothek hörbar werden.

Die Geschichte vom Holzfäller ist ein überraschender Film, der voller schräger, skurriler Ideen steckt – man muss sich einlassen, auf diese seltsame Welt und ihre Gestalten, tragen lassen von den opulenten, traumähnlichen Bildern des Kameramanns Arsen Sarkisiants, auf 35 mm gedreht. Gemeinsam mit der Filmmusik von Jonas Struck verleihen sie dem Film den Nimbus des Märchenhaften.

Wenn es eine Conclusio gibt dann diese: die Suche nach dem Sinn ergibt keinen Sinn, lass dich darauf ein, und schau verwundert und lächelnd auf das Leben – so wie Pepe, der unerschütterliche Optimist, der trotz schwerer Prüfungen an seiner positiven Lebensphilosophie festhält.

 

DIE GESCHICHTE VOM HOLZFÄLLER
Regie: Mikko Myllylahti
Land: Finnland, Deutschland, Dänemark, Niederlande, 2022
Produktion: Aamu Film Company, ACHTUNG PANDA!, Beofilm, Keplerfilm
Länge: 95 Min
Kinostart: 11.05.2023

Meine Bewertung:

5/5

5/5

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