Berlinale Wettbewerb ROTER HIMMEL Regie: Christian Petzold

Berlinale Wettbewerb ROTER HIMMEL Regie: Christian Petzold

Okay, ich gebe es gleich zu: ich mag die Filme von Christian Petzold sehr. Er war dieses Jahr zum sechsten Mal auf der Berlinale im Wettbewerb, sein Film ROTER HIMMEL mein Favorit. Jetzt hat er den zweitwichtigsten Preis des Festivals gewonnen: Silberner Bär Großer Preis der Jury.

Es ist die Art wie Petzold Konstellationen entwirft, Geschichten erzählt und sie behutsam weiter entwickelt, wie die Charaktere seiner Filme sich verändern dürfen, die mich in seinen Filmen fasziniert.

Diesmal wollte er einen Sommerfilm drehen, inspiriert von der Leichtigkeit und Unbeschwertheit der französischen Filme. Während der Corona Zeit hatte er Eric Rohmer wiederentdeckt.

Und ROTER HIMMEL ist ein Sommerfilm geworden, allerdings a la Petzold. Die Zutaten sind vorhanden: eine idyllische Umgebung, ein Haus im Wald, das Meer, in diesem Fall die Ostsee, junge Menschen. Doch von den ersten Bildern an scheint ein gewisses Unheil in der Luft zu liegen, nicht greifbar, nicht sichtbar, aber allgegenwärtig.

Die Freunde Felix und Leon fahren in das Sommerhaus von Felix Mutter an die Ostsee. Leon hat vor, das Manuskript für seinen Roman fertigstellen und Felix will Inspirationen für seine Berwebungsmappe an der Kunsthochschule sammeln. Doch auf der Hinfahrt gibt das Auto mit einer zischenden Explosion den Geist auf und die beiden müssen mit geschultertem Gepäck quer durch den Brandenburger Wald laufen. Schließlich rennt Felix voraus um den Weg zu finden und Leon bleibt zurück. Das Licht scheint sich zu verändern, es gibt seltsame Geräusche im Wald. Spätestens jetzt erwarten „geschulte Petzold Fans“ den ersten Einbruch, doch dann geht alles gut – erst einmal. Felix kommt zurück und bald sind die Beiden im Haus, das ist jedoch schon belegt.

Felix Mutter, den Besucherplan nicht im Kopf, hatte zeitgleich Nadja, (Pauk Beer), die Freundin einer Kollegin, eingeladen. Nadja ist schillernd, lebensfroh und hat viel Spaß, auch nachts, mit ihrem Freund, dem Rettungsschwimmer Devid. Der ist bald auch omnipräsent im Haus – also ein Sommer zu viert.

Petzold interessiert sich in seinem neuen Film ROTER HIMMEL vor allem für die Beziehungen der vier jungen Menschen untereinander. Nadja, Felix und Devid genießen ihre Zeit, sie schwimmen, kochen werkeln am Haus und gehen unbeschwert miteinander um. Nur Leon schließt sich aus der Gruppe aus. Die Leichtigkeit, die Lebens – und Liebesfreude der drei provoziert ihn, macht ihn wütend und gleichzeitig hilflos. Er hält sich aus allem heraus, und will doch Aufmerksamkeit. Selbst Nadja – charismatisch und leichtfüßig gespielt von Paula Beer – schafft es nicht, ihn aus seiner misanthropischen Stimmung zu befreien. „Ich muss arbeiten“, das ist einer der häufigsten Sätze von Leon im Film, den er fast manisch wiederholt. Und er kommt doch kein Stück weiter in seinem Manuskript.

Thomas Schubert ist Leon, überzeugend gibt er den frustrierten Künstler in allen Fassetten, neidisch und missverstanden. Das hat manchmal ausgesprochen komische Züge. Vor allem, weil er tief im Innern weiss, dass sein Roman nicht viel taugt. „Du weißt doch selber, dass das Bullshit ist“ sagt Nadja nach dem Lesen des Manuskripts.

Auf der Pressekonferenz erklärt Petzold, dass er diesen frustrierten, verkappten Künstler unbedingt so skizzieren wollte und ihm diese Seite des Künstlerlebens durchaus vertraut ist. „Mein zweiter Film war „Cuba libre“. Ich hatte damals das Gefühl, ich führe nicht Regie, sondern spiele einen Regisseur, der schlau daherredet. Ich habe mich dafür gehasst. Leons Roman heißt „Club Sandwich“. Cuba libre, Club Sandwich, da hat mir mein Unbewusstes wohl einen Streich gespielt“.

Seit Mitte der 90er Jahre ist Christian Petzold Filmemacher, seinen Durchbruch hatte er 2000 mit dem Werk INNERE SICHERHEIT , ein Film über ehemalige RAF Terroristen, die mit ihrer Tochter auf der Flucht sind. Zu seinen bekanntesten, mehrfach preisgekrönten Werken zählen unter anderem WOLFSBURG (2003) YELLA (2007), BARBARA (2012, Silberner Bär für die beste Regie), PHOENIX (2014), alle mit Nina Hoss in der Hauptrolle. In TRANSIT (2018) arbeitet Petzold zum ersten Mal mit der Schauspielerin Paula Beer zusammen. Vor drei Jahren war sie dann im Film UNDINE zu sehen. Auch in ROTER HIMMEL ist Paula Beer wieder dabei, diesmal in einem Ensemblefilm.

ROTER HIMMEL ist nach UNDINE der zweite Teil einer lose geplanten Trilogie. Während in UNDINE noch mystische Elemente eine Rolle spielen, Paula Bär als Stadtschreiberin und als Wassernixe, bleibt Petzold in seinem neuen Film auf dem Boden des Realismus. Auch stilistisch scheint er mehr zuzulassen. Die langen Einstellungen aus früheren Werken, Stilelemente der sogenannten „Berliner Schule“ sind aufgelockert, es gibt öfter Schnitte und Gegenschnitte. Die Menschen werden sichtbarer, der Raum scheint offener und das gibt gerade diesem Film eine Leichtigkeit, die ihm gut tut. Das Label „Berliner Schule“ schätzt Christian Petzold nicht besonders. In einem Interview sagte er mir einmal, dass er diese Etikettierung zu pauschal fände. Es sei eher die Art, die Geschichten beobachtend zu erzählen, Fragen zu stellen und offen zu lassen, eine unverfälschte Wirklichkeit anzustreben, die die Filmemacher der sogenannten „Berliner Schule“ auf jeweils eigene Weise gemeinsam hätten.

ROTER HIMMEL erzählt von Gruppendynamik und von Emotionen, die in und um das Ferienhaus zu lodern beginnen. 30 Kilometer entfernt brennt der trockene Wald lichterloh. Eine starke Szene zeigt die vier jungen Menschen, wie sie oben auf dem Vordach des Hauses stehen und am Horizont den roten Himmel betrachten – kein gewöhnliches Abendrot, sondern ein Rot der lodernden Flammen. Es ist ein entrückter und gleichzeitig beängstigender Moment, der die Apokalypse bereits andeutet.

Als im Film Leons Verleger, die fünfte Person, auftritt und sich weniger für Leons Roman, dafür aber umso mehr für die Kunst-Mappe von Felix und vor allem für Nadja interessiert, spitzen sich die Konflikte zu: die inneren, aber auch die äußeren Konflikte. Das Rot am Firmament färbt sich immer intensiver, es regnet Asche vom Himmel. Der Film macht eine zweite Ebene auf, das sommerliche Spiel wandelt sich zu einem Alptraumszenario.

Das ist es, was Petzolds Filme auszeichnet, das Zweideutige, der Symbolcharakter des Geschehens. Der brennende Wald – ein Inferno, das diese Gruppe von Menschen, die vor allem mit sich selbst beschäftigt sind, nicht wirklich wahrnehmen will. Parallelen zum Umgang mit der Klimakrise liegen nah.

ROTER HIMMEL verhandelt die allgegenwärtigen Fragen des Lebens: das Miteinander der Menschen, die Liebe, die Krankheit, den Tod. Ein Wettberwerbsbeitrag, der mich von Anfang bis Ende gefesselt hat – der Film hat den Silbernen Bären der Jury verdient. Der Goldene Bär hätte auch gepasst!

ROTER HIMMEL
Regie und Buch: Christian Petzold
Kamera: Hans Fromm
Produzenten: Florian Koerner von Gustorf, Anton Kaiser, Michael Weber
Weltvertrieb: The Match Factory
Verleih: Piffl Medien
Deutschland 2023

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