Filmkritik GENERATION 14plusDISCO AFRIKA: UNE HISTOIRE MALAGACHE

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, den eigenen Weg finden, trotz einer unsicheren Gegenwart – das sind die Themen vieler Jugendfilme auf der Berlinale in der Reihe Generation 14plus.

Auch in DISCO AFRIKA: une histoire Malagache (DISCO AFRIKA: eine malagassische Geschichte) geht es um die Suche nach Antworten und die Kraft, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Der Film von Luck Razanajaona spielt in Madagaskar, der zweitgrößten Insel der Welt an der Ostküste des afrikanischen Kontinents – eines der ärmsten Länder der Erde.

Durch die Augen des 20jährigen Kwame (Parista Sambo) wirft das Werk einen Blick auf die madagassische Gesellschaft, auf ein korruptes Land, gezeichnet durch jahrzehntelange Krisen und Perspektivlosigkeit.

Kwame schürft in geheimen Minen auf Madagaskar Saphire, ein mühsames und gefährliches Geschäft. Bei einem illegalen Einsatz verliert er seinen Freund. Kurz danach wird das Land verkauft, alle Minenarbeiter entlassen und vertrieben.
Zurück in seiner Heimatstadt erlebt er, wie die zügellose Korruption den Alltag beherrscht und die Menschen müde und mürbe gemacht hat. Die Hoffnungen auf einen Neuanfangs während des Befreiungskrieges in den 70iger Jahren sind weit weg.
Kwame lebt wieder bei seiner Mutter, nach dem gewaltsamen Tod seines Vaters ist sie allein.

Der Film spielt in der Gegenwart, doch über die Geschichte des Vaters führt uns Regisseur Luck Razanajaona in die panafrikanische Freiheitsbewegung der 70iger, einer Zeit, in der sich der Kampf um Unabhängigkeit auch kulturell formierte und sich in der Kunst und der Musik fortsetzte.

Als Kwame vier Jahre alt war, wurde sein Vater bei einem der politischen Aufstände gegen die korrupte Regierung erschossen und in einem Massengrab verscharrt. Es gibt keine letzte Ruhestätte zur Erinnerung für die Nachfahren. Kwames Vater war Musiker in einer erfolgreichen madagassischen Disco Musik Band. Als Kwame eine Platte seines Vaters aus den 70iger Jahren hört, taucht er über die Musik in die Vergangenheit ein und kommt seinem Vater näher.

Mit Kwames persönlicher Geschichte verhandelt DISCO AFRIKA auch das Erbe des Kolonialismus und die Geschichte des Widerstands.
Er wolle die zyklischen Krisen Madagaskars zeigen, sagt Razanajaona. „Alle 10 Jahre passieren die gleichen Dinge Die Aufstände führen zum Scheitern, die Armut wird immer greifbarer. Die Jahre der Unabhängigkeit, der Hoffnungen auf Veränderung waren gescheitert, vielleicht liegt es also an den jungen Menschen, ein wenig Hoffnung auf Veränderung zurückzuholen.“

In seiner Heimatstadt trifft Kwame alte Bekannte wieder, unter ihnen einen Schulfreund, der tief in illegale Machenschaften verwickelt ist und ihm anbietet, bei ihm einzusteigen.

DISCO AFRIKA zeigt seinen Protagonisten als einen Suchenden. Ein junger Mann, im Zwiespalt zwischen Kriminalität und der Loyalität sich selbst und der Gesellschaft gegenüber – im Konflikt zwischen leicht verdientem Geld und seinem erwachenden politischen Bewusstsein, dem Wunsch, etwas zu ändern. Im Laufe der Zeit beginnt Kwame sich immer mehr mit der Vergangenheit seines Landes auseinanderzusetzen und reift darüber zu einem politisch denkenden Menschen.

Veränderung nicht durch erneute Kämpfe, sondern durch die Rückbesinnung auf das nationale Gedächtnis verbunden mit der Musik – das ist die Botschaft es Films.

Eine entscheidende Rolle im Film spielt auch der Totenkult in Madagaskar. Mehrmals erscheinen Kwame die Geister der Verstorbenen, sein toter Freund, sein Vater – nicht als beängstigende Gespenster, sondern als Mahnende, Botschaftsbringer. Die Message des Films: solange die Vergangenheit, die blutige Geschichte der Insel, die politischen Kämpfe und Morde nicht aufgearbeitet sind, wird es keine Zukunft für das Land geben.

Luck Razanajaona machte 2011 seinen Abschluss an der ESAV Filmschule in Marrakesch und entwickelte dann mehrere erfolgreiche, teils preisgekrönte Kurzfilme.
DISKO AFRIKA ist sein erster großer Spielfilm, der Stoff bewegte ihn schon lange. Er wollte einen Film machen über sein Land und über die Menschen, über die Rufe nach Reformen in den 70igern und die enttäuschten Hoffnungen, die Rückschläge, die Armut und die schwierige Situation der Jugend.

Ein gelungenes Debüt, mit einer intensiven, meist statischen Kamera in einem ruhigen Ton erzählt, so kann sich das Publikum gut auf den Film und die Erzählung einlassen. Die Darsteller sind fast alle Laienschauspieler.
Der Film besticht durch seine authentische Innenschau, er bringt uns die Menschen und das Land nah. Ein Werk, das so nur von einem Regisseur realisiert werden konnte, der von seinen eigenen Erfahrungen und seinem Heimatland erzählt.

Auf der Berlinale Premiere berichtet der Luck Razanajaona, dass es nur drei Kinos auf Madagaskar gibt, alle in der gleichnamigen Hauptstadt. Sie zeigen hauptsächlich Blockbuster aus den USA und einige Filme aus Frankreich. Sein Wunsch sei es, DISCO AFRIKA auch in seinem Heimatland zu zeigen, nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch auf dem Land, dort wo der Film entstand. DISCO AFRIKA wäre dann der erste Film in madagassicher Sprache, der in diesem Land gezeigt wird. Ich wünsche Luck Razanajaona, dass sein Wunsch Wirklichkeit wird.

Filmtitel: DISCO AFRIKA: UNE HISOIRE MALAGACHE / DISCO AFRIKA: A MALAGASY STORY
Regie: Luck Razanajaona
Drehbuch: Luck Razanajaona
Frankreich / Madagaskar / Deutschland / Mauritius / Südafrika / Katar 2023

copyright berlinale, Regisseur Luck Razanajaona, Hauptdarsteller Parista Sambo

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