FILMKRITK:
SENTIMENTAL VALUE

Regie: Joachim Trier

Was macht die Faszination dieses Films aus? Die emotionale Klarheit, die Bilder, die sich in ihrer Eindringlichkeit einbrennen, die Authentizität der Schauspieler, eine Villa als Protagonist?

SENTIMENTAL VALUE ist einer dieser seltenen Filme, die den Zuschauer verwandeln und in eine zärtliche Gefühlslage entlassen, ohne dass man anfangs genau beschreiben kann, wie das geschehen ist.

Regisseur Joachim Trier hat ein Familiendrama geschaffen, das sich mit hoher Emotionalität und Präzision auf das Innenleben seiner Protagonisten konzentriert.

Im Zentrum des Films: eine alte Villa in Oslo, das Erbstück der Familie Borg. Es ist der Ort, an dem die Familie viele Generationen gelebt hat, voller Erinnerungen, Geschichten und Geheimnisse.

In einer Rückblende beschreibt die 12-jährige Nora, eine der Haupt- Protagonistinnen, in einem Schulaufsatz das Haus. Es ist für sie ein Lebewesen, das die Menschen, die es bewohnen, über mehrere Generationen hinweg beobachtet. „Wenn es still und leer war fühlte sich das Haus leicht, wenn es laut zuging, fühlte es sich schwer“, schrieb sie.
Und es wurde laut und viel gestritten in der Kindheit von Nora (Renate Reinsve) und ihrer jüngeren Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) Der exzentrische Vater Gustav Borg, ein bekannter Regisseur, (Stellan Skarsgård), verließ die Familie, als seine Töchter noch klein waren, sie blieben zurück mit der Mutter.

Das alles wird nur in kurzen Rückblenden angedeutet. Inzwischen sind Nora und Agnes erwachsene Frauen. Nora ist eine bekannte Theaterschauspielerin, die bei jeder Premiere von irrational heftigem Lampenfieber geplagt ist. Ihre jüngere Schwester Agnes bewohnt mit ihrem Mann und dem 9-jährigen Sohn das Haus. Sie durchforscht unzählige Archive, um die Geschichte der Familie zu entschlüsseln und findet heraus, dass ihre Großmutter eine Widerstandskämpferin in der Zeit des 2.Weltkriegs war und später in der Villa Selbstmord beging.

„Diese Geschichte vermittelt ein Gefühl von vererbter Trauer, und wir haben das Haus als Rahmen genutzt, um Zeit, Vergebung und emotionale Vererbung zu untersuchen“ (…) ,,Ein Zuhause ist etwas sehr Subjektives, und das Haus wurde zu einem weiteren Ausgangspunkt, um in eine komplexere Geschichte über das Leben und die Erwartungen von Erwachsenen einzutauchen“. (Joachim Trier)

Der Familienkonflikt bricht aus, als Gustav Borg zur Trauerfeier seiner verstorbenen Ex-Frau nach vielen Jahren unverhofft wieder auftaucht. Er will sich mit seinen Töchtern versöhnen. Nora hat ihm nie vergeben, dass er gegangen ist. Agnes, die Jüngere, ausgeglichener als ihre Schwester, ist milder gestimmt. Anlass für Unstimmigkeiten zwischen den Schwestern, einmal mehr verändert sich das Familiengefüge.

Um Nora versöhnlicher zu stimmen, quasi als Friedensangebot, bietet Borg ihr die Hauptrolle in seinem neuen Film an. Er hat ein Drehbuch über den Selbstmord seiner Mutter geschrieben. Es ist auch eine Aufarbeitung seiner eignen Familiengeschichte. Am Realschauplatz, der Villa, will er die Geschichte verfilmen. Nora lehnt sein Angebot brüsk ab. Kälte und Verletztheit auf beiden Seiten.

Bei einer ihm gewidmeten Retrospektive auf dem Filmfestival in Deauville lernt Borg die Hollywoodschauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning) kennen. Sie ist von seiner Arbeit begeistert und will unbedingt mit dem Altmeister arbeiten. Borg bietet ihr die Hauptrolle in seinem neuen Film an. Mit allen Mitteln und Techniken versucht sie sich, in die Rolle zu vertiefen und die Figur zu erfassen.

Es ist nicht einfach, die Magie eines Films in Worte zu fassen, der durch intensive Blicke, Gesten, Momenten des Schweigens und dem ausgeklügelten, raffinierten Spiel mit „Film in Film“ Einfällen besticht.

Die Intensität und Präsenz aller Schauspieler ist sehenswert, insbesondere die vorsichtige Annäherung zwischen Renate Reinsve als verletzte, emotional belastete Nora und Stellan Skarsgård als gefühlsverkappten Egozentriker. Im Lauf der Zeit müssen sie feststellen, dass sie sich ähnlicher sind, als geahnt.
Am Ende wird es nicht die Hollywoodschauspielerin Rachel Kemp sein, die die Hauptrolle in Borgs Film spielt.

Mit SENTIMENTAL VALUE wird Joachim Trier einmal mehr seinem Ruf als ein Filmemacher gerecht, der virtuos psychische Konflikte entblättert und auf die Leinwand bannt. Es geht um sensible Familiengeflechte, traumatisierende Erfahrungen, Verletztheit und die Unfähigkeit, sich darüber auszutauschen. Warum fällt es den Familienmitgliedern so schwer, offen miteinander zu sprechen? Haben Dramen über Generationen hinaus Einfluss in der Familie?

,,Ich interessiere mich für Emotionen und Erfahrungen, die in einer Familie weitergegeben werden und dafür, wie wir uns oft fragen, warum wir einem Elternteil so ähnlich sind und dem anderen nicht“ (Joachim Trier)

Regisseur Trier und Drehbuchautor Eskil Vogt haben schon in vielen Projekten bewiesen, dass sie sich perfekt ergänzen. Ihr letzter gemeinsamer Film DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT wurde weltweit ein Erfolg, Hauptdarstellerin Renate Reinsve gewann 2021 in Cannes den Preis als beste Darstellerin
Dieses Jahr wurde SENTIMENTAL VALUE in Cannes mit dem großen Preis der Jury geehrt. Der Siegeszug des Films wird weiter gehen, acht Mal ist der Film für den Europäischen Filmpreis im Januar 2026 nominiert, das norwegische Oscarkommitee hat SENTIMENTAL VALUE als norwegischen Oscarbeitrag ausgewählt.

Auch wenn der Titel es andeutet, sentimental ist SENTIMENTAL VALUE nicht. Der Film beobachtet scharf, ohne sich emotional zu verbrüdern, erzählt mit großer Leichtigkeit, bisweilen zeigt er unverhofft Humor. Zum Beispiel mit einem ironischen Hieb auf den Wandel in der Filmbranche. Gustav Borg kann sein ambitioniertes Alterswerk nur mithilfe von Netflix realisieren, die Frage nach dem Kinostart sorgt für Lacher.

SENTIMENTAL VALUE ist ein Meisterwerk, ein kluger Film, der berührt und ein Echo beim Zuschauer entfacht. Das zärtliche Gefühl, das er hinterlässt, liegt in der Hoffnung auf Versöhnung, selbst in den kompliziertesten Familiengeflechten.

Filmtitel:

SENTIMENTAL VALUE

Regie:

Joachim Trier

Drehbuch:

Joachim Trier, Eskil Vogt

Kamera:

Kasper Tuxen

Produktion:

Maria Ekerhovd, Andrea Berentsen Ottmar

Produktionsländer:

Norwegen, Frankreich, Dänemark,
Deutschland, Schweden

Verleih:

Plaion Pictures GmbH

Länge:

135 Minuten

dt. Kinostart:

4.12.2025

copyright: Plaion Pictures
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