Was geschieht mit einer jungen Frau, die ein zweites Mal in ihrem Leben ihre Wurzeln verliert und neu verhandeln muss, wer sie ist und wo sie hingehört?
Davon erzählt die griechische Regisseurin Nancy Biniadaki in ihrem beindruckenden Spielfilm MAYSOON.
Maysoon, eine ägyptische Archäologin, lebt in Berlin.
Sie musste ihre Heimat Ägypten vor über einem Jahrzehnt verlassen. Während des arabischen Frühlings war sie als Studentin an den Aufständen der Aktivisten in Alexandria beteiligt.
Zu Beginn des Films sieht es so aus, als hätte Maysoon sich in ihrem Leben in Berlin gefunden und eine neue Existenz aufgebaut. Sie hat inzwischen zwei kleine Kinder, ihr Partner Tobi liebt und unterstützt sie und sie hat einen Job, sie arbeitet als Museumsführern im ägyptischen Museum.
Eine idyllische Familienszene zu Beginn des Films, die Kinder toben und sind glücklich, Maysoon und Tobi halten Händchen, alles scheint zu stimmen. Doch schon bald zeigen sich Risse. Am Abend liegt müde Gereiztheit in der Luft, nach intensivem Nachfragen gesteht Tobi, dass er eine Affäre hat. Bald kommt heraus, dass da mehr ist.
Der Vertrauensbruch bringt Maysoons vermeintlich stabile Existenz ins Wanken. Dazu kommt, dass ihr Pass ausläuft, ihr Aufenthaltsstatus ist nicht mehr gesichert. Inzwischen stark verunsichert, verliert sie dann auch noch ihren Job, ein Abgrund tut sich auf.
Ich habe mit der griechischen Regisseurin Nancy Biniadaki über ihren Film gesprochen und sie gefragt, was sie zu der Geschichte inspiriert hat.
Nancy Biniadaki
,,Ich fange immer mit einer großen Frage an, mit etwas, dass mich persönlich sehr stark beschäftigt , mit etwas worauf ich noch keine Antwort gefunden habe, so gehe ich an das Drehbuch heran, um diese Frage zu klären.
Dann hatte ich diese Idee, die mich nicht mehr losgelassen hat, ich habe darüber nachgedacht, dass es ausländische Frauen gibt, die viel mehr kämpfen müssen als ich, als Europäerin. Obwohl ich eine Ausländerin bin, obwohl ich für ein zweites Leben hier in Deutschland viel tun musste, hatte ich es ziemlich einfach. Es war eine Herausforderung, aber viele Sachen sind selbstverständlich, ich nehme sie als EU-Bürgerin als selbstverständlich hin, der Staat und die Gesellschaft unterstützen mich dabei.
Ich wollte also eine Geschichte schreiben über einen Frau, die für jede Kleinigkeit in ihrem Leben neu kämpfen muss, in ihrem Herkunftsland genauso wie in ihrer neuen Heimat. Als ich überlegt habe, welches nichteuropäische Land ich kenne, weil es leider viele Länder gibt, in denen Menschen noch nicht frei sind, also, bei der Suche kam ich ziemlich schnell auf Ägypten. Die Griechen fühlen sich sehr verbunden mit den Ägyptern, es ist ein Land , mit dem wir nicht nur durch die Antike, sondern auch in der heutigen Zeit verbunden sind – viele Ägypterinnen und Ägypter sind nach den politischen Ereignissen der 60- und 70iger Jahre nach Griechenland gekommen. Es ist ein Land, das ich kenne, ich weiß wie es aussieht und wie es dort riecht, wie die Farben sind, wie die Menschen sind und ich dachte sofort, ja!
Dazu kommt der „Arabische Frühling“ mit allen politischen Konsequenzen und ich hatte sofort einen Grund, warum diese Frau ihr Land verlassen musste und wofür sie gekämpft hat. Dann, wie es oft der Fall ist, kommen ganz viele kleine Puzzlestücke zusammen. Hier in Berlin gibt es ein Masterstudium Ägyptologie an der Universität, das ägyptische Museum und die dazugehörigen Institute gehören zu den wichtigsten der Welt und so hat es auch Sinn gemacht, dass Maysoon hierhergekommen ist für das Studium. Ich musste nichts konstruieren oder fantasieren, alles war da.“
Der Film schildert eindrucksvoll, wie Maysoon Stück für Stück den Boden unter den Füßen verliert. Sie dreht durch, mehrmals, immer wieder. Sie verliert ihre Arbeit, weil sie die verdeckten, rassistischen Spötteleien der Touristen nicht mehr aushalten kann. Ihre geliebten Kinder wachsen ihr über den Kopf, sie schreit sie an, ist ungerecht, alles ist zu viel und das Geld reicht auch nicht mehr. Das schildert Nancy Biniadaki eindrucksvoll beobachtend und dicht in kleinen Episoden und erschafft so das Bild einer tief verzweifelten Frau.
Die große Stärke in Nancy Biniadakis Film liegt in der Authentizität der Handlung und in der Ambivalenz der Titelfigur Maysoon.
Maysoon ist nicht nur Sympathieträgerin – sie ist impulsiv, teilweise unberechenbar, versucht sich zu wehren, rastet aus. Sie ist eine Frau, die sich immer mehr in die Enge getrieben fühlt: von ihrem Ehepartner, der sich inzwischen auf die neue Beziehung eingelassen hat und sogar darüber nachdenkt, das Sorgerecht für die Kinder zu beantragen. In die Enge getrieben auch von der deutschen Bürokratie, die mit Abschiebung droht, von den Freunden, die sie ermahnen, logisch und vernünftig zu reagieren. Und von den Traumata ihrer eigenen vermeintlichen Schuld.
Vor 10 Jahren hat sie den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen, nachdem ihr Bruder in Ägypten nach festgenommen wurde, um sie zur Rückkehr zu zwingen. Sie ging nicht zurück, ihr Bruder starb im Gefängnis, nach „offizieller Verlautbarung“ an einer schweren Krankheit.
Maysoon ist wieder ganz am Anfang, eine Fremde in einem fremden Land, ohne innere und äußere Heimat. „Ich hatte ein Leben, jetzt bin ich ein Fall“, sagt sie der Rechtsanwältin.
Nancy Biniadaki
,,Das „Fremd sein“ ist natürlich ein Thema, das mich stark beschäftigt, weil ich glaube, wenn man fremd in einer Gesellschaft ist hat man viel von seiner Sicherheit verloren. Es fehlen die sozialen Netzwerke, die kulturelle Referenz sozusagen und die Sprache, die ganze Kultur, alles ist weg und dann ist man für sich selbst allein verantwortlich.
Wir leben in einer globalen Welt, die Welt umfasst jetzt den ganzen Planeten. Was bedeutet es, fremd zu sein in diesem globalen Kosmos der Menschheit, das interessiert mich sehr. Wieso gibt es immer noch diese Angst vor dem Fremden und was macht das mit jedem, der durch so eine Phase geht, sich fremd fühlt.
Der Film spielt in Berlin und Berlin ist natürlich eine tolerante, offene Stadt und genau deswegen wollte ich hier meine Geschichte ansiedeln…
Maysoon ist ein Film über Liebe, Heimat und die Möglichkeit der Freiheit. Es ist die Geschichte einer jungen ägyptischen Frau, die ihr Heimatland für die Freiheit verlassen hat und realisieren muss, das Fremdsein ein Zustand ist, mit dem man nur schwer umgehen kann, selbst in einer toleranten, europäischen Metropole…
Im Film gibt es verschiedene Szenen, in denen über Heimat reflektiert wird. ist die Heimat der geographische Ort, symbolisiert Heimat die Menschen, die man liebt und von denen man geliebt wird? Und wenn dieser Ort nicht mehr da ist weg ist und wenn die vertrauten Menschen weg sind, ist man dann heimatlos? Wie geht man damit um, wie kann es überhaupt weitergehen, wenn alle diese Parameter nicht mehr da sind – kann man ohne Heimat leben?
Das ist eine zentrale Botschaft des Films: Maysoon versucht etwas zu finden, wo sie sich festhalten kann. All das, was sie vorher als Sicherheit, als Heimat gesehen hatte, ist plötzlich nicht mehr da. Für mich ist die Frage, gibt es neben der geographischen Heimat, der lokalen Heimat eine innere Heimat für Maysoon, eine innere Heimat, die wir vielleicht „Seele“ nennen können.“
Um ihre Kinder weiter zu sehen und nicht abgeschoben zu werden, wird Maysoon schließlich einem Kompromiss zustimmen. Eine vertraute ägyptische Freundin gibt ihr eine Botschaft mit auf den Weg, die vielleicht auch die zentrale Botschaft des Films ist: sie sagt ihr, Menschen könnten viel verlieren, ihre Heimat, ihren Mann, ihre Arbeit, ihr Zuhause, aber sie habe die Kinder und sie müsse es schaffen, ihr „Innerstes“, ihre „Seele“ zu schützen und zu bewahren, um wieder Halt zu finden.
Für ihre eindringliche Darstellung als Maysoon ist Sabrina Amali mehrfach ausgezeichnet worden, überzeugend verkörpert sie die Zerrissenheit ihrer Figur, ihre Ohnmacht, ihre Verzweiflung aber auch ihre innere Rebellion und ihre Suche nach Freiheit.
Bei den Filmnächten in Ahrenshoop wurde MAYSOON als Bester Film geehrt.
Es ist der zweite Kinofilm der griechischen Regisseurin Nancy Biniadaki
Sie war in Griechenland längst bekannt, bevor sie sich auch in der deutschen Medienlandschaft einen Namen machen konnte.
Nach dem Studium der klassischen Philologie in Athen studiert sie Regie an der Stavrakos Film School in Athen, im Anschluss absolvierte sie an der Sheffield Hallam University in England ihren Master oft Arts in Regie. Schon während des Studiums entstehen preisgekrönte Kurzfilme, später wird sie bekannt durch zahlreiche Dokumentationen für das griechische Fernsehen und als Theaterregisseurin mit eigenen Performances und Videos für die Bühne u.a. für Inszenierungen im antiken Theater in Epidavros in Griechenland. 2015 realisiert sie in Deutschland den Kurzfilm DER MOND UND ICH, der mit dem Grimme Preis ausgezeichnet wird.
Zwei Jahre später wird Biniadakis Spielfilmdebut THE SURFACE OF THINGS / DIE OBERFLÄCHE DER DINGE im Wettbewerb des Internationalen Filmfestivals in Thessaloniki uraufgeführt und mit dem Best Greek Newcomer Director`s Award des Athener IFF (Athens International Filmfestival) ausgezeichnet.
Nancy Biniadaki hat ihr Debüt damals mit Fördermitteln vom griechischen Fernsehen ERT und der privaten griechischen Vertriebs- und Produktionsfirma HERETIC finanziert, Watchmen Productions war das deutsche Produktionsbüro. Obwohl griechische Filme mit ihren spannenden, gesellschaftskritischen Themen und ihrer außergewöhnlichen Filmsprache im europäischen Arthouse Kino immer wieder geschätzt und gefragt sind, hält sich der griechische Staat mit Fördermitteln sehr zurück.
Nancy Biniadaki
,,Die Wahrheit ist, dass es so viele tolle, starke griechische Filme gibt, die es irgendwie immer wieder schaffen, aber mit sehr großer Kraftanstrengung und vielen Hürden. Ich verstehe einfach nicht, dass der Staat kaum Verantwortung übernimmt, um das griechische Kino mit mehr Geld und besseren Regularien intensiver zu unterstützen.
Die Situation ändert sich ständig, die Gesetzte ändern sich ständig , die Fördersumme ändert sich ständig, und das macht etwas mit den Filmemachern. Nicht nur, dass es kein Geld gibt, es ist auch diese ständige Unsicherheit, denn sie wollen ihre Kunst machen, um auch davon zu leben. Auch hier in Deutschland finde ich es nicht einfach, meine Filme zu realisieren es ist immer eine Herausforderung , aber in Griechenland ist es einfach sehr viel härter und es gibt viel weniger Unterstützung.„
Der Film MAYSOON wurde von Watchmen Productions vorwiegend mit deutschen Mitteln produziert, in Koproduktion mit Graal Films und unafilm und dem rbb. Auch das griechische Fernsehen ERT und das Greek Film Centre gaben einen Zuschuss. Doch ohne weitere Unterstützung u.a. durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, das Programm Creative Europe – MEDIA, dem Deutschen Filmförderungsfond DFFF und dem Medienboard Berlin Brandenburg wäre der Film so wohl nicht entstanden.
Wie so oft im Art House Kino, eine kompakte Patchwork Finanzierung.
Aber der Kampf hat sich gelohnt. MAYSOON besticht nicht nur durch seine nuancenreiche Geschichte zwischen privatem Liebesdrama, politischem Rückblick auf die Ereignisse des Arabischen Frühlings und der Schilderung von bürokratischen Hürden im Asylrecht. Nancy Biniadaki ist auch ein dichter und atmosphärisch empathischer Film gelungen.
Das Spiel aller Darsteller, allen voran Sabrina Amali und Florian Stetter wirkt echt und authentisch, beeindruckend ist auch, wie natürlich die Kinderdarsteller agieren.
Nancy Biniadaki
,,Ich habe mit allen Schauspielerinnen und Schauspielern und mit den Kindern in einer bestimmten Richtung gearbeitet. Im Laufe der Jahre habe ich meine eigene Arbeitsweise entwickelt. Inspiriert vom Theater weiß ich, wie wichtig der Kontakt mit den Schauspielern und die Analyse des Textes und der Figuren sind. Aber auch beeinflusst vom Dokumentarfilm, habe ich immer nach der Wahrhaftigkeit gesucht, und wenn ich das nicht gesehen habe, wusste ich instinktiv, da fehlt mir etwas.
Diese beiden Richtungen haben mich sehr stark beeinflusst zusammen mit den Vorbildern von Regisseuren, die in dieser Richtung mit Schauspielern arbeiten. Mir ist es wichtig, dass die Emotion stimmt, wenn die Emotionen stimmen und man die Figuren gut kennt, kann man alles machen, kann man nichts Falsches machen. So haben wir mit den Erwachsenen gearbeitet, aber auch mit den Kindern.
Wir hatten Schauspielcoachs, aber mir war klar, die Kinder müssen nur lernen, loszulassen und spontan auf die Situation reagieren. Also haben sie Sabrina und Florian kennengelernt. Wir sind Eis essen gegangen, auf den Spielplatz und haben Fotos gemacht und wir haben ihnen gesagt, das sind jetzt Mama und Papa, Kinomama und Kinopapa , wir haben intensiv an der Beziehung gearbeitet, gar nicht an einer konkreten Szene und wie sie gespielt werden soll.
Bei den meisten Szenen haben die Erwachsenen die Szene geführt und die Kinder haben einfach mitgemacht. Wir haben zum Beispiel gesagt: es ist spät und Papa kommt nach Hause und die Mama ist müde und die Kinder kennen das. Und sie haben einfach mitgemacht, sie haben sich frei genug gefühlt, spontan die Situation mitzuspielen. Es gab dann manchmal auch Szenen, in denen wir wollten, dass die Kinder konkrete Sachen sagen und das haben sie dann auch gemacht. Aber ich glaube, sie hatten bereits das ganze System, die ganze Art zu arbeiten verstanden – und es war echt.
So eine Arbeitsweise verlangt von allen erwachsenen Schauspielern und auch von der ganzen Crew, dass alle immer im Standby-Modus sind, alle müssen mitmachen, die richtige Atmosphäre schaffen, damit viel Vertrauen, Freiheit und Kommunikation möglich ist und gleichzeitig müssen alle bereit sein, ein bisschen zu improvisieren.“
MAYSOON: ein bewegender und vielschichtiger Film – ein intensives Liebes-und Familiendrama, das von Heimatverlust, Krise und Entfremdung erzählt – eindrucksvoll, beklemmend und letztendlich mit einem Schimmer Hoffnung – ein Film, dessen Bilder und Geschichte lange nachklingen.