Vor drei Jahren gewann der kanadische Regisseur Daniel Roher den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Da war er 29 Jahre alt. Sein Film NAWALNY (2022), ein faszinierendes Porträt über den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, erregte weltweit Aufmerksamkeit.
Nach dem großen Erfolg kamen der Druck und dann eine Schaffenskrise.
„In meinem Fall wurde mein gesamter kreativer Prozess stillgelegt. Das Nichts hat mir eine ungeheure Angst gemacht….Dieser Zustand zwang mich aber auch, mich einer existentiellen Frage zu stellen: Wenn der kreative Teil von mir, der mein Wesen immer ausgemacht hatte, mir plötzlich abhanden gekommen war, wer war ich dann noch? Diese Frage ließ mich nicht mehr los. Sie arbeitete in mir weiter, bis daraus THE PIANO TUNER entstand.“
(Regisseur Daniel Roher)
Sein Film kreise um zwei zentrale Themen, sagt Roher, die Fragilität von Identität und dem Versuch nach einem Verlust wieder Lebensfreude zu finden.
Inspiriert zu seinem Film wurde er durch die Bekanntschaft mit einem genialen Klavierstimmer, Peter White. Dessen intensive Beziehung zu Klang und Musik faszinierte den jungen Regisseur und weckte bei ihm die Idee, einen Klavierstimmer in das Zentrum seines Spielfilmdebüts zu setzen – die Hauptfigur Niki war geboren.
Niki, grandios und mit hoher Intensität gespielt von Leo Woodall, leidet an einer Überempfindlichkeit für Geräusche: Hyperakusis, eine seltene Hörstörung. Was andere als Alltagssound kaum noch bemerken, nimmt er akustisch im wahrsten Sinne des Wortes als ohrenbetäubend laut wahr – die Welt ist für ihn ein lärmender Kosmos, normale Geräusche sind für ihn schmerzhaft und aggressive Sounds können ihn verletzten. Deswegen muss er ständig Ohrstöpsel und Kopfhörer tragen, die den Klang dämpfen.
Niki war nicht immer Klavierstimmer, früher galt er als hochbegabter Pianist. Er musste seine Karriere wegen der Hyperakusis aufgeben.
Gemeinsam mit seinem älteren Freund und Mentor Harry Horrowitz, verkörpert von keinem Geringeren als dem 88-jährigen Dustin Hoffmann, zieht Niki nun durch die Konzertsäle und die Apartments der Reichen und Wohlsituierten in New York. Die Flügel dienen in diesen Luxuswohnungen mehr als exquisite Designobjekte, weniger als Instrumente.
Es macht Spaß, den Beiden zuzuschauen. Mit Ironie und Witz schildert Roher den Arbeitsalltag der Klavierstimmer. Dustin Hoffmann als fürsorglicher Ersatzvater Harry, ein Jazzer, der früher in der Szene eine Größe war, ein Schlitzohr mit Zwinkern in den Augen, sorgt gerade im ersten Teil des Films für Humor und komödiantische Momente. Daneben der stille Niki, mit einem absoluten Gehör gesegnet: eine gelungenes Paar. Im ersten Teil erinnert THE PIANO TUNER an ein Buddy-Movie.
Als Niki die Kompositionsstudentin Ruthie (Havana Rose Liu) kennenlernt, scheint er aufzublühen – der Film wechselt im Tenor zu einer Liebesgeschichte. Es ist anrührend die zaghafte Annäherung zwischen der zunächst distanzierten Ruthie und dem vorsichtigen Niki mitanzuschauen. Ohne Kitsch und Klischees inszeniert Roher die beginnende Lovestory, authentisch und sensibel. Hier kommt seine genaue Beobachtungsgabe aus der Dokumentarfilmarbeit zum Tragen.
„Nachdem ich als Filmemacher jahrelang wahre Geschichten erzählt hatte, bot mir THE PIANO TUNER die Gelegenheit, mich dem fiktionalen Erzählen zuzuwenden und emotionale Wahrheiten mit neuen erzählerischen Mitteln zu erkunden.“
(Regisseur Daniel Roher)
Eher zufällig findet Niki heraus, dass er wegen seines übersensibelen Gehörs auch einen Safe knacken kann. Sein alter Freund Harry hatte in seinem Safe die Hörgeräte eingesperrt und den Code vergessen. Niki gelingt es, den Tresor zu knacken, er kann die Verschleißspuren am Zahnrad akustisch wahrnehmen.
Bei einem Stimmauftrag am Abend kommt Niki in Kontakt mit der Unterwelt und dem Boss einer Gang, Uri, einem zwielichtigen Typen. Offiziell ist der ein Hochsicherheitsexperte, in Wirklichkeit der Kopf einer kriminellen Bande.
THE PIANO TUNER überzeugt nicht nur visuell, indem er weniger auf Action und schnelle Schnitte, als auf psychologische Spannung und Figurenzeichnung setzt. Er ist auch klanglich ein Erlebnis: feinste Geräusche, jede Note, jedes Klicken und jede noch so kleine Soundveränderung wie das vorsichtige Drehen eines Schlosses an einem Safe werden hörbar.
Daniel Roher reizt die sinnliche Dimension von Kino perfekt aus und hat die besten Sounddesigner an seiner Seite, darunter Johnnie Burn, der bereits bei THE ZONE OF INEREST sein Können unter Beweis stellte. Für den treibenden, jazzigen Score ist Will Bates verantwortlich.
„Mit THE PIANO TUNER wollte ich das Publikum in eine Welt einladen, in der Musik, Klang und Stille die Identität eines Menschen prägen….Ich habe diesen Film für den Klang entworfen. Es ist ein Film für Sounddesigner:innen. Ich möchte, dass er immersiv wirkt. Das Sounddesign soll uns in die subjektive Wahrnehmung von Niki White versetzen und hören lassen, was er hört.“
(Regisseur Daniel Roher)
Im letzten Drittel des Films überschlagen sich die Ereignisse – die Stimmung wechselt zum Heist-Thriller. Als Niki erfährt, dass sein Freund Harry im Krankenhaus liegt und außerdem hoch verschuldet ist, lässt er sich auf das kriminelle Geschäft des Safekknackens ein, um finanziell zu helfen.
Schon bald kommt es zu Konflikten mit der Bande und mit seiner Freundin Ruthie. Die Welt von Niki wird kompliziert, er scheint den Boden unter den Füssen zu verlieren.
So viel sei verraten: Niki findet „seinen kreativen Teil, der sein Wesen ausmacht“ am Ende wieder, genauso wie Regisseur Daniel Roher ihn gefunden hat.
THE PIANO TUNER ist fabelhaft besetzt, amüsant und unterhaltsam und schafft es trotz des Genremix glaubwürdig zu bleiben – eine spannende und hintergründige Mischung aus Thriller, Liebesfilm und Drama – ein gelungenes Spielfilmdebüt.