
veröffentlicht am: 18.02.2026
Familie: dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch viele Filme des Festivals, auch im Wettbewerb – Familie im Kontext von gesellschaftlichen Umbrüchen, persönlicher Selbstfindung oder politischen Spannungen.
Regie: Pawel Pawlikowswski
Es ist eine Reise in das einstige Vaterland, in die Vergangenheit – ein Trip durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland.
Regisseur Pawel Pawlikowski schickt Thomas Mann (Hanns Zischler) und dessen Tochter Erika (Sandra Hüller) 1949 durch das geteilte Deutschland. Vier Jahre nach Kriegsende besucht der Nobelpreisträger und Autor von Werken wie „Buddenbrooks“, „Der Zauberberg“ und „Doktor Faustus“ mit seiner Tochter die frühere Heimat.
Deutschland liegt noch in Trümmern und ist doch bereits ein gespaltenes Land. Der Wettstreit der Systeme ist voll im Gange.
Anlass für die Reise ist der 200. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe und die Verleihung des Frankfurter Goethepreises an den großen Schriftsteller, an die mahnende Stimme Deutschlands. Thomas Mann nimmt die Ehrung gleich zwei Mal entgegen – im Westen in Frankfurt am Main, im Osten in Weimar, dort wird ihm der Goethe- Nationalpreis verliehen.
Soweit die Filmhandlung. Pawel Pawlikowski hat sich jedoch einige künstlerische Freiheiten bei der Rekonstruktion der historischen Fakten erlaubt.
In der Realität trat Thomas Mann diese Reise aus dem amerikanischen Exil gemeinsam mit seiner Ehefrau Katja und nicht mit seiner Tochter Erika an.
Und: die starke Eingangs-Szene des Films, das berührende Telefonat zwischen Erika Mann und ihrem geliebten Bruder Klaus Mann, der verspricht, nachzukommen, hat sich so nicht ereignet.
Klaus Mann, der begnadete Romanautor und Essayist, war bereits nicht mehr am Leben, als sein Vater nach 16 Jahren Exil seine alte Heimat besuchte. Gezeichnet von Drogenabhängigkeit, immer im Schatten seines berühmten Vaters, beging er in Cannes Suizid, drei Monate vor der Deutschlandreise.
Das Drehbuch hat Pawel Pawlikowski gemeinsam mit Autor und Regisseur Henk Handloegten geschrieben. Beide wollten auf keinen Fall ein Biopic über den großen deutschen Schriftsteller Thomas Mann kreieren. Sie interessierten sich weniger für die korrekten historischen Fakten, als für die seelischen Zustände der berühmten Familie und für die politische Situation eines Landes, das noch fünf Jahre zuvor von den Nationalsozialisten unter Hitler regiert worden war.
Die Familie Mann als Spiegel einer zerrissenen Nation.
Regisseur Pawel Pawlikowski:
„Im Mittelpunkt von Vaterland stehen die historischen Persönlichkeiten Thomas Mann und seine eigensinnigen ältesten Kinder Erika und Klaus, die in ein komplexes, familiäres Dreieck verstrickt sind. Um das Persönliche und das Historische auf ergreifende und sich gegenseitig bereichernde Weise miteinander zu verbinden, haben wie uns einige Freiheiten hinsichtlich der historischen Fakten und ihrer Chronologie genommen, Dabei haben wir uns bemüht, der emotionalen und intellektuellen Wahrheit der Geschichte treu zu bleiben.“
Die Reise Thomas Manns, die in Wirklichkeit mehrere Wochen dauerte und durch viele Städte führte, verdichtet Pawlikowski zu einem fünf-tägigen Roadmovie von West-nach Ostdeutschland.
VATERLAND – schon der Titel verrät die zwei Ebenen, um die der Film kreist: Deutschland, das einstige Heimatland, das nach der Naziherrschaft eine neue Identität finden muss und dabei ist, sich in zwei Systeme zu spalten.
Zugleich weist der Titel auch auf die Person des Vaters hin: Thomas Mann: der Übervater, die Familieninstanz. Mit seiner Autorität, seinem Geist, seiner Bedeutung hat Mann seine Familie, insbesondere seine beiden ältesten Kinder geprägt. Durch Anerkennung wie bei Erika, (eigentlich sollte sie ja der erwünschter Sohn werden), aber auch durch Kritik und Missachtung gegenüber Klaus, dem Zweitgeborenen.
Im Film erhält Erika in Frankfurt am Main die Nachricht vom Suizid ihres Bruders, per Telefon. Die Verleihung der Goethe Medaille an ihren Vater steht kurz bevor. Als sie, tief getroffen, vorschlägt, die Reise abzubrechen, erwidert ihr Vater, es gehe jetzt um etwas Größeres, als um den Tod eines lebensmüden Drogenabhängigen – sein Kommentar zum Tod seines Sohnes.
Unnahbarkeit, Selbstbeherrschung, moralischer Ernst, der Wille zur Einordnung und zur Repräsentation kennzeichnen Thomas Mann, brillant gespielt von Hanns Zischler, zudem sieht er dem großen, deutschen Autor im Film verblüffend ähnlich.
Es ist faszinierend Thomas Mann und seine Tochter Erika – selbst Autorin, Kabarettistin und Schauspielerin, auf der Reise in ihr einstiges Heimatland zu begleiten. Erika ist für ihren Vater Lieblingstochter, Sekretärin, Adjutantin, Organisatorin und manchmal auch Kritikerin.
In konzentrierten schwarz-weiß-Bildern zeigt Pawlikowswski, wie die Beiden in ihrem schwarzen Buick durch das vom Krieg gezeichnete Deutschland reisen – eine Welt aus Licht und Schatten, leere Landschaften, Menschen, die hinter Fensterscheiben beobachten, Ruinen.
Im amerikanischen Sektor in Frankfurt werden Vater und Tochter hofiert. Man ist eifrig bemüht, Normalität walten zu lassen und den großen Geist Thomas Mann für sich und den liberalen Kapitalismus einzunehmen, während sich in den Ritzen der neuen Bürokratie die ehemaligen Nazis gut etabliert haben.
Doch es gibt auch kritische Stimmen, Buhrufe, Skepsis schlägt ihm entgegen, weil er nach der Machtergreifung der Nazis ins Exil gegangen war, zunächst in die Schweiz, dann in die USA.
Man wirft ihm mangelnde Solidarität, ja sogar Verrat vor, weil er in den schwierigen Jahren Deutschland verlassen habe, anstatt in die innere Immigration gegangen zu sein. Kühl und distanziert antwortet Thomas Mann: „Wäre ich hier geblieben, könnten wir heute nicht miteinander reden“.
Militärparaden und Uniformen, die vage an Zeiten erinnern, die möglichst schnell vergessen werden sollen, Parolen eines friedlichen Sozialismus dominieren die Begegnungen im Osten, in Weimar. Auch hier möchte man den weltberühmten Rückkehrer gern als Repräsentationsfigur für sich gewinnen, der Emigrant soll wieder zum deutschen Dichter werden.
VATERLAND ist 89 Minuten lang, in strengem Schwarz-Weiß gedreht. Der Film lebt vor allem über die visuelle Ebene, über die Gesichter und die Mimik seiner beiden Hauptdarsteller, über feine Beobachtungen der Landschaft und der Menschen. Die Dialoge, zurückhaltend und pointiert, vieles spielt sich nonverbal ab und gewinnt so an Dichte und Intensität.
Diese Intensität kennt man schon aus Pawlikowskis früheren Werken, genauso wie seinen inzwischen unverwechselbaren Stil und seine eindringlichen schwarz-weiß Kompositionen.
Er begann seine Karriere als Dokumentarfilmregisseur, seine ersten Spielfilme LAST RESORT (2000) und MY SUMMER OF LOVE (2004) wurden mit dem Bafta ausgezeichnet.
Der große internationale Durchbruch gelang ihm 2013 mit IDA, der erste polnische Film, der 2015 mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film geehrt wurde: ein Road-Movie in Schwarz-Weiß, das von der Suche nach Heimat und Identität handelt. Der Film COLD WAR (2018) feierte seine Premiere in Cannes, Pawlowski bekam den Preis für die beste Regie und wurde international gefeiert.
Pawel Pawlikowski ist ein Regisseur, der sich Zeit lässt mit seinen Filmprojekten. 8 Jahre liegen zwischen seinem letzten Film COLD WAR – DER BREITENGRAD DER LIEBE und VATERLAND. Viele seiner Werke kreisen um Vergangenheitsbewältigung, immer wieder kehrt er künstlerisch in das Nachkriegseuropa zurück.
In einem Interview der TAZ äußerte Pawlikowski, „er habe keine Ahnung wie man die Gegenwart bewältigen solle, er bekomme sie nicht zu fassen. Er erlebe die Welt als eine Art von Science-Fiction, dessen Regeln er nicht verstehe, er würde gern in 50 Jahren darüber lesen. Bei der Vergangenheit wisse er dagegen, was geschehen ist.“
Die Nachkriegszeit in Deutschland und die Spaltung der politischen Systeme, es gelingt Pawliokowski anschaulich diese Zeit visuell zum Leben zu erwecken. Zugleich zeigt er die Tragödie einer Familie zwischen Sprachlosigkeit, Verbundenheit und dem schweren Erbe der Migration.
Wir sehen einen Thomas Mann, der es vermag, Gedankenräume zu öffnen, mit seiner Scharfsinnigkeit und seinem Intellekt und mit seinen Gedanken über Humanismus zu fesseln und der gleichzeitig im Privaten diese Verantwortung kaum leben kann.
Das alles inszeniert Pawlikowski mit Mut zu Leerstellen und dem Vertrauen in das Ungesagte. Er erklärt nicht, er lässt schauen – in die Gesichter der Protagonisten, die mehr erzählen als Dialoge leisten würden.
Die wohlüberlegten Dialogszenen bleiben haften, wie die Begegnung Erikas mit ihrem Exmann, dem Theater-Giganten Gustav Gründgens (Joachim Meyerhoff). Gründgens, ein Kollaborateur der Nazis, als Theaterstar gefeiert, hat sich „unbeschadet“ in das Nachkriegsdeutschland reintergiert.
Er verharmlost seine Vergangenheit in der NS-Zeit und wirft Erika ihr Bohemien-Leben vor. Die Antwort ist eine schallende Ohrfeige. Eine explosive, fast erlösende Szene.
Sandra Hüller als Erika, sie ist ein weiteres Mal großartig. Sie schafft es, im feinsten Mienenspiel Gefühlsregungen auszudrücken und ist in jeder Szene unmittelbar wahrhaftig – sie spielt nicht, sie ist.
VATERLAND gewann in Cannes den Preis für die beste Regie, zu Recht, ein Film, der in seiner Dichte und Intensität schwer zu beschreiben ist. Ein Meisterwerk der Inszenierung und der Besetzung.
Die Schlussszene des Films spielt in einer Kirche. Vater und Tochter, Thomas und Erika Mann lauschen einem Bachchoral – kein narratives Ende, ein emotionaler Moment der Besinnung, ein ruhiges Ausklingen. Auch für den Zuschauer, der aufgefordert wird, die bewussten Leerstellen des Films selbst zu füllen.
Filmtitel:
VATERLAND / FATHERLAND
Regie:
Pawel Pawlikowski
Drehbuch:
Pawel Pawlikowski, Henk Handloegten
Kamera:
Łukasz Żal
Musik:
Szöke Szabolcs
Produktionsland:
Polen, Deutschland, Italien, Frankreich
Verleih:
Neue Visionen Filmverleih GmbH
Länge:
89 Minuten
dt. Kinostart:
3.9.2026

veröffentlicht am: 18.02.2026
Familie: dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch viele Filme des Festivals, auch im Wettbewerb – Familie im Kontext von gesellschaftlichen Umbrüchen, persönlicher Selbstfindung oder politischen Spannungen.

veröffentlicht am: 15.08.2024
Flucht – und Migrationsgeschichten im Spielfilm – vielleicht verdeutlichen sie sogar noch eindringlicher als Dokumentarfilme die Unmenschlichkeit europäischer Migrationspolitik. Indem sie Einzelschicksale durch die Spielhandlung verdichten und fokussieren, werden die inhumanen Hintergründe von Flucht noch plastischer. Der italienische Regisseur Matteo Garrone führt uns das mit seinem vielfach ausgezeichneten und inzwischen Oscar nominierten Werk ICH, CAPITANO (2023) vor. Der Film erzählt die Fluchtodyssee zweier afrikanischer Jugendlicher aus dem Senegal und folgt ihrem mühsamen und lebensbedrohlichen Weg nach Europa.

Die 73. Internationalen Berliner Filmfestspiele – Resümee
veröffentlicht am: 01.03.2023
Die Zahlen sind beeindruckend: Insgesamt 287 Filme hat das Festival gezeigt, der Ticketverkauf mit 320.000 kann sich sehen lassen. Rund 20.000 Akkreditierte, 2.800 Medien Vertreter*innen aus 132 Ländern haben das Festival besucht – fast wie vor der Pandemie. Allein das war schon ein Grund zur Freude.