Filmkritik ENCOUNTERS DEMBA - ein Film aus dem Senegal

Beim Anschauen mehrerer afrikanischer Filme ist mir eines klar geworden: man sollte sich verabschieden von der oftmals chronologischen, stringenten Erzählweise des europäischen Kinos und sich einlassen auf eine Filmwelt der assoziativen Bilder, der Traumsequenzen, der spontanen Rückblenden, auf visuelle Reisen in die Innenwelt der Protagonisten.

Viele Filme sind ein expressives Zusammenspiel von Erzählung, Stil, Bildausschnitt und Sound. Und das kann berauschend sein oder auch verwirren, ein Beispiel dafür ist DEMBA.

Nach seinem erfolgreichen Debüt BAAMUM NAFI, das beim Filmfest Locarno 2019 den Preis für den besten Erstlingsfilm bekam, präsentiert Regisseur Mamadou Dia auf der Berlinale seinen neuen Film aus seiner Heimat dem Senegal: DEMBA.

Diesmal erzählt er von einem Mann, der vor zwei Jahren seine geliebte Frau verlor und zudem feststellen muss, dass er auch auf seiner Arbeit nicht mehr gebraucht wird. Nach 30 Jahren als Registrator in der Aktenabteilung des Rathauses steht Demba kurz vor der Pensionierung. Sein Schreibtisch wurde schon einmal auf den Flur geschoben, ein junger Nachfolger steht parat, ein Kenner der digitalen Welt.

Demba ist ein Film über Trauer und Verlust – und es ist ein Film über den Mikrokosmos Matam, einer kleinen Stadt am Ufer des Flusses Senegal, der das westafrikanische Land vom benachbarten Mauretanien trennt. Es ist auch die Geschichte von Vater und Sohn, die sich wiederfinden, und eine Geschichte über die Bürokratie in Senegal.

In losen, bisweilen sprunghaften Episoden erzählt Mamadou die Story. Als sich der zweite Todestag seiner Frau Awa jährt, wird Demba immer seltsamer. Stur und jähzornig verschließt er sich gegenüber der Gemeinschaft des kleinen Dorfes und den Freunden, die ihn dazu drängen, Hilfe zu suchen und loszulassen. Das Verhältnis zu seinem fast erwachsenen Sohn ist auf null.

Mit seinem neuen Film kehrt Regisseur Mamadou Dia an den Ort seiner Kindheit und Jugend zurück, in seine Heimatstadt Matam im Senegal. DEMBA, so sagt Dia, der inzwischen in den USA lebt und an der University oft Virginia Filmemachen unterrichtet, sei für ihn ein höchst persönlicher Film. Der frühe Tod seiner Mutter, ein Trauma, das er viele Jahre nicht aufgearbeitet hatte, habe ihn zu diesem Film inspiriert, ein Auslöser, sich mit dem Thema Trauer und Verlust zu beschäftigen. Er erinnere sich, wie die Gemeinschaft zu ihm, seinen Geschwistern und seiner Großmutter gekommen sei, als sie ihre Mutter verloren.
Mamadou Dia führt aus: „der Tod ist in der senegalesischen Kultur kein Tabu. Die Menschen reden darüber, erkennen ihn an und stellen sich ihm. Wenn wir über psychische Gesundheit sprechen, sprechen wir meistens über die westliche Sichtweise der Behandlung. Und wir vergessen, dass es Gemeinschaften auf der Welt gibt, die tausende und abertausende von Jahren Erfahrung damit haben, psychische Labilität und Depressionen zu heilen“.

Dia zeichnet das Porträt einer Gesellschaft und einer Gemeinschaft, die sich um den Trauernden kümmert und versucht, ihn aufzufangen, auch wenn Demba das zunächst unwillig ablehnt.
„DEMBA erklärt die Spannung zwischen Kummer und Heilung, zwischen Zugehörigkeit und Entfremdung, Gesundheit und psychischen Problemen anhand der Figur eines Mannes im mittleren Alter. Die Idee entstand bei mir durch die grundsätzliche Frage: Wie kann eine Gesellschaft, die kein Wort für „Depression“, hat mit dem Phänomen umgehen?

Das zeigt Dia in seinem Film. Freunde ermutigen Demba, raten ihm, Hilfe zu suchen, man schickt ihn zu einer Art lokalem Therapeuten und Heiler. Nach einigen Irr – und Umwegen nimmt er wieder vorsichtig Verbindung zu den Menschen auf und öffnet sich, ein langsamer und mühevoller Weg. Allmählich kann er seine Trauer bewältigen, auch Vater und Sohn nähern sich wieder an.

Bei den Dreharbeiten bezog Mamadou Dia sein ganzes Heimatdorf mit ein: das baufällig wirkende Rathaus, das gleichzeitig als Versammlungsort dient, genauso wie die Häuser der Nachbarn und die Umgebung. Die meisten Schauspieler sind Laiendarsteller, Bewohner des Dorfes, die Hauptrolle des Demba spielt der ausdrucksstarke Ben Mahmoud Mbow, der auch schon im ersten Film von Dia mitwirkte.
In einer Filmsprache, die dicht bei den Menschen verweilt, aber genauso surreal die inneren Zustände verdeutlicht, erschließt sich ein Bild des Lebens im Dorf.

Am Ende steht ein großes Fest „Tajabone“. In farbenprächtigen Kostümen, Aufzügen und Tänzen wird der „Engel des Todes“ getäuscht, indem sich Frauen als Männer und Männer als Frauen verkleiden. Nach langem Zögern setzt sich auch Demba eine Frauenperücke auf, verlässt sein Haus und macht mit bei dem Festzug des Lebens.
Ein hoffnungsvolles Ende für Demba – ein Rausch der Bilder, Klänge und Farben und ein Ereignis für all diejenigen, die sich auf den assoziativen Bilderreigen des Films einlassen können.

Filmtitel: DEMBA
Regie: Mamadou Dia
Drehbuch: Mamadou Dia
Deutschland, Katar 2024

copyright berlinale, Crew Demba, (v.l.n.r.) Diegane Niang, Ben Mahmoud Mbow, Awa Djiga Kane, Regisseur Mamadou Dia, Mamadou Sylla
copyright berlinale, Diegane Niang, Ben Mahmoud Mbow
copyright berlinale, Regisseur Mamadou Dia

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