WETTBEWERB
FOKUS AFRIKA - BLACK TEA

Afrika im Blickpunkt der Berlinale. Diese 74. Ausgabe des Festivals setzt noch einmal deutlicher auf Filme aus einem Kontinent, der durch seine vielseitigen, herausragenden Geschichten, Genre und Formen zu einem wichtigen Teil der Filmszene geworden ist. Die Vorsitzende der internationalen Jury ist in diesem Jahr die mexikanisch – kenianische Schauspielerin und Oscarpreisträgerin Lupita Nyong‘O. Zum ersten Mal steht eine schwarze Persönlichkeit an der Spitze der wichtigsten Jury. Afrika scheint endlich anzukommen auf den europäischen Filmfestivals – das war überfällig. Allein zwei Filme mit afrikanischer Beteiligung laufen dieses Jahr im Wettbewerb.

DAHOMEY
Der Dokumentarfilm DAHOMEY der franco-senegalesischen Regisseurin Mati Diop thematisiert die Rückgabe der von Frankreich geraubten Kunstschätze an Westafrika, 26 Statuen kehren zurück nach Benin. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Statue des König Gezo, dem Oberhaupt des einstigen Königreiches Benin. Ein wichtiger Film, der thematisiert, dass der Kunstraub bis heute tiefe Lücken in das kulturelle Gedächtnis des Landes gerissen hat.
Filmtitel: Dahomey
Regie: Mati Diop
Drehbuch: Mati Diop
Frankreich, Senegal, Benin 2024

BLACK TEA
Regisseur Abderrahmane Sissako erzählt die transkulturelle Liebesgeschichte zwischen einer ivorischen Frau (Nina Melo‘) von der Elfenbeinküste und einem chinesischen Teehausbesitzer – ein faszinierendes, fast futuristisches Filmgemälde über ein friedliches und tolerantes Miteinander der Menschen
Am Anfang steht eine Hochzeit, viele Paare warten darauf, sich das Jawort zu geben. So auch Aya und ihr Verlobter, doch im entscheidenden Augenblick sagt Aya „Nein“! Cut. Sprung in einen andere Welt: wir sehen die Protagonistin Aya (faszinierend gespielt von Nina Velo‘) in einem neuen Leben in der chinesischen Hafenstadt Guangzhou.
Der in Mauretanien geborene Regisseur Abderrahmane Sissako gilt als einer der bekanntesten Filmschaffenden aus dem subsaharischen Afrika. Migration und die Folgen der Kolonialisierung – das sind seine Themen. Er ist zum ersten Mal auf der Berlinale, seine Filme REISE INS GLÜCK (2002) und TIMBUKTU (2014) liefen in Cannes.

Sissakos Erzählperspektive unterscheidet sich von vielen seiner afrikanischen Regiekollegen durch die Art, wie er auf die Welt schaut. Es geht ihm um Begegnung und Austausch der Kulturen untereinander und um Annäherung, weniger um die konkrete Darstellung von Migration und ihren Gründen. Sein Film BLACK TEA ist ein Plädoyer für ein friedliches Miteinander.
Seine Aya lebt im sogenannten Chocolate City, einem Stadtteil Guangzhous, in dem sich viele afrikanische Einwanderer niedergelassen haben. Dort arbeitet sie in einem Teeladen bei dem chinesischen Besitzer Cai. (Chang Han).

Sehr vorsichtig nähern sich die beiden an, er weiht sie ein in die Kunst der Teezeremonie, nimmt sie mit auf die Teeplantagen, die Begegnung der beiden ist getragen von Respekt, Behutsamkeit und viel Sinnlichkeit. Sanfte, oft wie zufällige Berührungen, mehr passiert nicht und drückt in seiner Intensität doch so viel mehr aus als viele gängige Liebesszenen. Diese geheimnisvolle Sinnlichkeit erinnert an das Kino von Wong Kar- Wai, an Filme wie IN THE MOOD FOR LOVE.(2000)

Viele Szenen spielen am Abend, eine fast unwirkliche Welt in warmes Licht getaucht, langsame, bisweilen fast zeitlupenartige Bewegungen – ein verträumter, märchenhafter Kosmos, den Sissako entwirft.
Diese Welt hat etwas Magisches, die schwarzen Bewohner von Chocolate City sprechen perfekt chinesisch, untereinander verständigen sie sich in ihren Heimatsprachen. Es gibt Bekanntschaften, ja Freundschaften zwischen Chinesen und Afrikanern. Diskriminierung und Rassismus, die natürlich existent sind, thematisiert der Film nur gelegentlich in den Gesprächen der afrikanischen Einwanderer untereinander. Doch im Vordergrund steht der gemeinsame Wille, friedlich und harmonisch miteinander zu leben. Nur in einer Szene äußert der Vater von Cai bittere Vorurteile gegenüber den schwarzen Mitbewohnern und wird sofort von seinem Enkel zurecht gewiesen.

Den Film konnte Sissako vor allem mit finanzieller Unterstützung aus Luxemburg und Frankreich verwirklichen, weitere Partner sind Mauretanien und Taiwan. Das erklärt auch, warum Sissako zwar in Chocolate-City recherchiert hat, der Film aber in Taiwan gedreht wurde.
„Afrikanische Filmemacher müssen weitaus größere Klippen überwinden als ihre Kollegen aus den USA, Europa und Asien“ sagt Sissako beim Panel des WCF zum Thema Afrika. „Es gibt keine Filmindustrie, folglich haben wir weniger Techniker“. Auch das schwache Vertriebsnetz in Afrika ist ein großes Problem, in den meisten afrikanischen Ländern gibt es kaum Kinos, weil viele verkauft wurden, um Einkaufszentren zu errichten.
„Viele Filmemacher wenden sich Serien zu, die wirtschaftlich leichter zu realisieren sind und die die Menschen auf ihrem Fernsehbildschirmen sehen können, sagt Sissako. Er hat nach dem Erfolg seines Films TIMBUKTU, der 2015 mit dem Cäsar für die beste Regie ausgezeichnet wurde, lange keinen Film gemacht.

Nach fast 10 Jahren Pause erblickt jetzt sein neues Werk BLACK TEA auf der Berlinale das Licht der Leinwand. Die Meinungen über den Film sind erstaunlich divergent. Was einige als unrealistische, kitschige Romanze bezeichnen, ist für andere ein visionäres und wichtiges Filmwerk und ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit. Die Schauspieler im Film spielen auf Mandarin, französisch, englisch und portugiesisch. Sissakos Anliegen war es, so sagte er auf der Pressekonferenz, die „Realität der Welt zu zeigen. Wenn Afrikaner nach China gehen, lernen sie chinesisch und wenn Chinesen in Afrika Handel treiben, lernen sie Woolf oder Swahili.

Für mich ist BLACK TEA ein herausragendes Werk mit einer globalen Botschaft: wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen aufeinander zugehen, Unterschiede zur Bereicherung werden, Toleranz an erster Stelle steht, gibt es dann eine Chance die globalen Konflikte zu mildern? Was bleibt uns sonst in dieser durch Kriege und Krisen gezeichneten Welt.

Filmtitel: Black Tea
Regie: Abderrahmane Sissako
Drehbuch: Abderrahmane Sissako
Frankreich, Mauretanien, Luxemburg, Taiwan, Cote d`Ivoire, 2024

copyright berlinale, Nina Mélo, Wu Ke-x
copyright berlinale, Regisseur Abderrahmane Sissako
copyright berlinale, Crew Black Tea
copyright berlinale, Nina Mélo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Beiträge

Berlinale 2024

ENCOUNTERS DEMBA – ein Film aus dem Senegal

veröffentlicht am: 19.02.2024

Beim Anschauen mehrerer afrikanischer Filme ist mir eines klar geworden: man sollte sich verabschieden von der oftmals chronologischen, stringenten Erzählweise des europäischen Kinos und sich einlassen auf eine Filmwelt der assoziativen Bilder, der Traumsequenzen, der spontanen Rückblenden, auf visuelle Reisen in die Innenwelt der Protagonisten.

Mehr lesen »
Berlinale 2024

Berlinale Resümee

veröffentlicht am: 03.03.2024

Und wieder gewinnt ein Dokumentarfilm den wichtigsten Preis der Berlinale, den goldenen Bären. Wie kam es zu dieser Entscheidung, gab es keine adäquaten Fictionfilme, die diesen Preis verdient hätten? War die Auswahl der 20 Filme, die im Wettbewerb um den goldenen Bären konkurrierten, so mittelmäßig?

Mehr lesen »
Berlinale 2024

Die Politik und die Berlinale

veröffentlicht am: 03.03.2024

Die Berlinale ist ein politisches Filmfestival, das wird immer wieder betont, und das ist gut so! Filmfestivals sind Foren des Austauschs und der Diskussion. Doch dieses Jahr war das Festival überschattet von politischen Auseinandersetzungen, die zu einem medialen Orkan zu werden drohten.

Mehr lesen »