THE GREEK FILMFESTIVAL IN BERLIN – DIE NEUNTE
WE CHOOSE THE BLOODY BIG SCREEN

Es ist einfach schön zu sehen, wie aus einer Initiative von begeisterten deutsch-griechischen Filmemachern vor neun Jahren, ein wichtiges und erfolgreiches Film-Festival gewachsen ist. Das Interesse nimmt jedes Jahr zu, die Nachfrage ist groß, viele Veranstaltungen im Kino BABYLON waren gut besucht oder sogar ausverkauft!

Festivaldirektorin Sofia Stavrianidou hat auch in diesem Jahr ein spannendes und vielseitiges Programm zusammengestellt. Das Motto: „das neue griechische Kino, das Beste aus dem Filmschaffen aus Griechenland und Zypern in Deutschland.“

Sofia Stavrianidou zum Auftakt:
„Es wird das neunte Festival sein, und mit der gleichen Lust, Leidenschaft und Begeisterung werden wir die besten Filme der jüngsten griechischen Produktionen in die deutsche Hauptstadt bringen. Und vor allem: die Filme werden auf der großen Leinwand des Babylon zu sehen sein. Wir legen großen Wert darauf und entscheiden uns immer für die große Leinwand.“

In den fünf Festivaltagen vom 20. bis zum 24. März wurden insgesamt 30 Filme gezeigt: Spielfilme, Dokumentationen, Kurzfilme aufstrebender Talente der griechischen Filmszene und Special-Screenings – ein facettenreicher Blick in das neue griechische Kino.

Mit fünf internationalen Premieren und 16 Deutschlandpremieren gab es spannende und aktuelle Einblicke in das griechische Filmschaffen. Die Themenpalette war breit gefächert: Dramen, Coming oft Age Filme, LGBTQI+ Themen, dieses Jahr gleich in mehreren Filmen zu entdecken.
„We Choose The Bloody Big Screen“ war die Devise in diesem Jahr und verwies sowohl auf die große Kinoleinwand, die Filmkunst erst sichtbar macht, als auch augenzwinkernd auf die zwei Horrorfilme, die dieses Jahr gezeigt wurden.

Erfreulich auch die Zusammenarbeit mit dem INTERNATIONALEN KURZFILMFESTIVAL DRAMA in Nordgriechenland. Das GRIECHISCHE FILMFESTIVAL IN BERLIN zeigte eine Auswahl aus dem Studentenprogramm und bot damit den jungen Regietalenten eine internationale Plattform, die Gelegenheit gesehen zu werden, Kontakte zu knüpfen und die Finanzierung ihrer Abschluss-Filme zu erweitern.

Im Wettbewerb, dem „EMERGING GREEKS COMPETITION liefen fünf Spielfilme – griechische Werke aus den Jahren 2022 und 2023. Ich habe mich gefreut, als mein Favorit ANIMAL von Regisseurin Sofia Exarchou als Gewinner ausgezeichnet wurde, das Preisgeld 1000 Euro, gesponsert vom griechischen Filmzentrum. 

Die Begründung der Jury:
“The film combines an artistic cinematographic proposition with a political narrative diving in the underbelly of capitalism; a fiction rooted in reality, which does not let you look away”.

ANIMAL – das ist die Geschichte einer Gruppe von Hotel Animateurinnen und Animateuren auf einer griechischen Insel. Hinter „lustigen“ Spielen, Tanzshows und einem exzessiven Animationsprogramm schälen sich die Schicksale der einzelnen Protagonisten heraus, die Abend für Abend mit strahlenden Gesichtern und glitzernden Kostümen die Touristen bespielen. Die Ferienanlage als große Bühne.

Doch Sofia Exarchou blickt hinter diese Kulisse in den „Workspace der Unterhaltung“, zeigt den harten Alltag, das aufreibende und anstrengende Leben der Animateur*innen. Jeden Abend versprühen sie gute Laune, fallen jedoch nach vollendeter Show in ihr eigenes, privates Desaster zurück: ausgebrannt, erschöpft, einsam, auf der Suche nach ihrer Identität. Vergnügen wird zum Selbstzweck, Alkohol als vermeintlicher Tröster, um für einige Stunden das armselige Leben hinter der Show-Bühne erträglich zu machen.

Der Film besticht durch eine beeindruckende Schauspielercrew, allen voran Dimitra Vlagopoulou als Kalia und Flomaria Papadaki als Eva, zwei desillusionierte Animateurinnen im Tanz auf dem Vulkan. Die Touristen tauchen im Film eher schemenhaft auf, sie sind die anonyme Horde, die gegen Bezahlung Unterhaltung, Show und Bespaßung verlangt.

Beeindruckend, wie Sofia Exarchou die Klischees der „Beautifull Greek Islands“ ausklammert, das blaue Meer, die romantische Architektur, die großartigen Strände kommen in ihrem Film nicht vor. Stattdessen zeigt sie in dunklen Einstellungen und Nachtaufnahmen „die andere Welt“ des Tourismus, gespiegelt im Alltagsleben der Unterhalter: ihre armseligen Baracken, die leeren, routinierten Sexspielchen untereinander und die Nachtausflüge am schlammigen Strand.

ANIMAL zeigt die Kehrseite des griechischen Klischees vom Urlaubsparadies und ist doch gerade deswegen griechischer und wahrhaftiger als viele Mainstream-Produktionen, in denen das Land nur als Kulisse dient.

Eine besondere Erwähnung der Jury erhielt der Film MEDIUM von Regisseurin Christina Ioakeimidi
„The Jury has decided to give a special mention to a promising voice coming out of Greek cinema, a film that shines through its mise-en-scène, a gentle and respectful portrayal of intimacy”.

Es ist der zweite Spielfilm der griechischen Filmemacherin, eine Verfilmung des Romans von Giorgos Sibardis.
Eine COMING OF AGE-Geschichte, ein Film, der mit Geschlechterklischees spielt und sie hinterfragt, eine faszinierende, transzendente Geschichte über das sexuelle Erwachen eines Mädchens an der Schwelle zum Erwachsensein. Der Film spielt in der Metropole Athen, im Sommer, einer Zeit, in der die lähmende Hitze unerträglich werden kann. 

MEDIUM erzählt die Geschichte der 16-jährigen Eleftheria (Ageliki Beveratou), die ihre hochschwangere Schwester in Athen besucht. In der Nachbarschaft lernt sie einen jungen Mann kennen, Angelos, (Nikolakis Zeginoglou) ein zurückhaltender, attraktiver, geheimnisvoller Medizinstudent, der sie mitnimmt, auf seinem Motorrad durch die glutheißen Straßen von Athen.
Eleftheria verliebt sich in diesen scheinbar unnahbaren Angelos. Der hat gerade seinen Freund verlassen und ist eigentlich nicht bereit, eine neue Bindung einzugehen, mit einem jungen Mädchen? Mit einer Frau?

Der Film lässt die Grenzen zwischen den Geschlechtern zerfließen, hinterfragt, wie Gefühle entstehen, sich verdichten, Grenzen gesprengt werden und die erste Liebe sich anfühlen kann. Die Hitze in Athen ist quasi spürbar, über dem ganzen Film liegt eine Art melancholischer Sehnsucht, ein intensives, spürbares Verlangen gepaart mit der Angst sich zu offenbaren und verletzt zu werden. 

Auf die Frage, was für sie die wichtigste Botschaft ihres Films ist sagt Christina Ioakeimidi:
„Dass es etwas Besonderes ist, uns gegenüber der anderen Person verletzlich zu machen, auch wenn es schmerzhaft sein kann. Je älter und „weiser“ wir werden, desto schwieriger wird es, uns dem ohne jeglichen Schutz auszusetzen. Solche Erfahrungen fordern uns als Erwachsene heraus.“

Zwei von insgesamt 30 Werken, die DAS GRIECHISCHE FILMFESTIVAL BERLIN gezeigt hat – Blicke in eine Filmwelt, die bewusst das andere griechische Kino und das Land jenseits der Touristenklischees in den Fokus nimmt: die Probleme der Menschen, die sozialen und politischen Zustände, visuelle und thematische Sprünge in den „Inner Circle“ Griechenlands. Das ist es, was das Festival jedes Jahr wichtig und faszinierend macht: für Griechen in Deutschland und für deutsche Filmfans, die dieses Land besser verstehen wollen, jenseits des glitzernden blauen Meeres.

EMERGING GREEKS AWARD: ANIMAL by Sofia Exarchou, Schauspielerin Flomaria Papadaki nimmt den Preis entgegen, Copyright The Greek Filmfestival In Berlin
SPECIAL MENTION: MEDIUM, Regisseurin Christina Ioakamidi nimmt den Preis entgegen, Copyright The Greek Filmfestival In Berlin
Copyright The Greek Filmfestival In Berlin
keyvisual 2024, Copyright The Greek Filmfestival In Berlin
Festivaldirektorin Sofia Stavrianidou (links), Copyright The Greek Filmfestival In Berlin
Kino Babylon Eingang, Copyright Filmkritikerin Regina Roland

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