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Juli 2025

copyright Tobis Film

THE LIFE OF CHUCK

Eine der schönsten Szenen im Film ist der Tanz. Chuck, (Tom Hiddleston), ein unauffälliger Buchhalter, läuft tief in Gedanken durch die Hauptstraße einer amerikanischen Kleinstadt. Doch plötzlich legt er seine Aktentasche nieder und beginnt unvermittelt zu tanzen, inspiriert durch die Trommelschläge der Straßenmusikerin Taylor (Taylor Gordon).

Menschen sammeln sich, eine Traube von erstaunten Passanten schaut zu, wie sich der unscheinbare Mann verwandelt und sich virtuos, wie ein begnadeter Tänzer, zu den Trommelwirbeln und Rhythmen bewegt. Er fordert eine Passantin auf (Annalise Basso) und gemeinsam scheinen die beiden im Tanz zu verschmelzen. Brausender Applaus, Chuck bedankt sich und zieht seiner Wege – alles ist möglich!

Was macht das Leben mit den Erdenbürgern, wie viele Fassetten vereinen die Persönlichkeit eines Menschen – das sind die Fragen in dem geheimnisvollen Film THE LIFE OF CHUCK nach einer Kurzgeschichte von Stephen King.

Regisseur Mike Flanagan hat den Stoff verfilmt, er hat bereits mehrere Fantasy – und Horrorgeschichten Stephen Kings auf die Leinwand gebracht, unter anderen DAS SPIEL (2017), die Horrorserie SPUK IN HILL HOUSE (2018), und DOCTOR SLEEP (2019).
Doch THE LIFE OF CHUCK besticht nicht durch Horrorelemente, sondern durch eine mystische, nachdenkliche Ebene.
I am large, I contain multitudes“ / „Ich bin groß – ich trage viele Wesen in mir“, dieser Vers aus dem Gedicht „Song of Myself“ von Walt Whitman ist das Grundmotiv der Kurzgeschichte von Stephen King und des Films.

Ein Mystery-Epos ohne Blut und Thrill, nur vereinzelt tauchen übersinnliche Phänomene auf. Der Film konzentriert sich auf Gefühle und Stimmungen.

Die Welt steht vor dem Untergang, die Apokalypse naht. Kalifornien versinkt im Meer, weltweit erlischt das Internet, doch die Menschen nehmen dies eher gelassen mit einer gewissen Melancholie und einem besorgten Erstaunen wahr – die große Panik, das Entsetzen bleibt aus.

Anlass zu Diskussionen und Beunruhigung geben eher die überall präsenten Werbespots und Bilder eines Unbekannten. Sie erscheinen auf Plakaten, sind als Werbespots im Fernsehen zu sehen, werden von Flugzeugen in den Himmel gemalt und schließlich, nach dem totalen Blackout, sogar auf Fenster projiziert. Die Nachricht lautet: „Charles Kranz, 39 Great years! Thanks Chuck!“. „Danke Chuck für 39 wundervolle Jahre! 

Wer ist dieser Charles „Chuck“ Kranz, dessen Gesicht den Menschen multimedial zulächelt? Niemand scheint ihn zu kennen.

In drei nicht chronologisch erzählten Rückblenden lernen wir Chuck kennen: in der Jugend, in der er seine Großmutter verliert und vom Großvater in die Welt der Buchhaltung eingeführt wird, als schmächtiges Kind, das seine Eltern durch einen Autounfall verloren hat und durch das Tanzen eine neue Welt entdeckt und kurz vor seinem Tod mit 39 Jahren.

THE LIFE OF CHUCK ist ein melancholischer, warmherziger Film, der den universellen Fragen des Lebens nachspürt, feinfühlig inszeniert mit beindruckenden Bildern und überzeugenden Schauspielern.
Die Apokalypse, der Tod vollzieht sich im Film ohne Schrecken, friedlich, fast tröstlich. Eine filmische Philosophiestunde, die uns lehrt, dass jedes Leben ein Mosaik aus vielen Anfängen und Möglichkeiten bereithält.

Filmtitel:

THE LIFE OF CHUCK

Regie:

Mike Flanagan

Drehbuch:

Mike Flanagan nach einer Kurzgeschichte von Stephen King

Kamera

Eben Bolter

Produktion:

Mike Flanagan, Trevor Macy

Produktionsland:

USA

Verleih:

Tobis Film

Kamera:

Eben Bolter

Kinostart:

24.7.2025

copyright Piffl Medien

VERMIGLIO

Eintauchen in einen Kosmos, der weiter nicht entfernt sein könnte von unserer hektischen, medial überfluteten Welt. Kaum zu glauben, dass die Geschichte des Films noch nicht einmal hundert Jahre zurückliegen soll.

VERMIGLIO, das ist ein abgelegenes Dorf in den italienischen Alpen. Hier lebt die Familie Grazidei, der Lehrer Cesare (Tommaso Ragno) mit seiner Frau Adele (Roberta Rovelli) und 8 Kindern. Nur ein paar hundert Menschen gibt es im Dorf, sie führen ein bescheidenes Leben, gezeichnet von den Mühen des bäuerlichen Alltags.

VERMIGLIO, so heißt der gleichnamige Film, ein Historiendrama, das im Kriegswinter 1944/45 spielt. Es ist der zweite Spielfilm der Südtirolerin Maura Delpero. In Venedig gewann sie 2024 den großen Preis der Jury für das Werk, viele Filmpreise in Italien folgten.

Die Regisseurin erzählt eine Geschichte ihres Heimatdorfes – ein Familienepos, das zur Zeit der Kindheit ihres Vaters spielt.
Maura Delpero sagt zu ihrem Film:
Vermiglio ist eine Seelenlandschaft, ein „Familienlexikon“, das in mir lebt, an der Schwelle zum Unbewussten, ein Akt der Liebe zu meinem Vater, seiner Familie und ihrem kleinen Dorf. Indem er eine persönliche Zeit durchquert, will der Film eine Hommage an eine kollektive Erinnerung sein.

Obwohl der Krieg hoch in den Bergen weit entfernt zu sein scheint, prägt er das Leben der Dorfbewohner. Viele der Männer wurden zum Krieg eingezogen, also müssen die Frauen und Kinder mit anpacken, um den Alltag zu meistern. Es gibt nur schmale Essensrationen, die Kinder schlafen zu mehreren in einem Bett. 

Als der sizilianische Deserteur Pietro Riso (Giuseppe De Domenico) ins Dorf kommt, findet er Unterschlupf, weil er den Sohn der Tante vor den Nazis gerettet hat. Die Familie versteckt ihn in einem Schuppen. 

Für die Kinder des Dorfschullehrers Cesare ist das eine aufregende Sache, sie beäugen ihn neugierig, besonders Lucia, (Martina Scrinzi), die Älteste. Eine zarte Annäherung zwischen Lucia und Pietro beginnt, wenig Worte, viele kleine Gesten und Blicke, charismatisch eingefangen durch die großartige Kamera von Mikhail Krichman. 

Schließlich heiraten die Beiden, Lucia ist schwanger. Als der Krieg vorbei ist, will Pietro seine Familie im Süden besuchen. Lucia wartet vergeblich auf ihn, er kommt nicht zurück.

Regisseurin Maura Delpero will kein aufregendes, spannungsgeladenes Drama erzählen, sie visualisiert in ihrer beeindruckenden Familiensaga den Sprung in eine andere Zeit.

Es sind die fein inszenierten, genau beobachteten Abläufe des alltäglichen Lebens, die dieses Historienepos zu einem Juwel machen. Die Studien der Menschen und ihres Alltags, wie die kargen, akribisch eingeteilten Mahlzeiten am Familientisch, die kleinen, flüsternden Gespräche der Geschwister im Bett, Dorfschullehrer Cesare, der sich versunken in seinem Arbeitszimmer der Musik aus dem Grammophon hingibt. Lucias Verzweiflung als verlassene Schwangere scheint sich in jedem ihrer Blicke und Bewegungen zu manifestieren.

VERMIGLIO – ein faszinierender, wahrhaftiger Film, der in seiner Intensität eine verschwundene Epoche wiederauferstehen lässt.

Filmtitel:

VERMIGLIO

Regie:

Maura Delpero

Drehbuch:

Maura Delpero

Produktion:

Francesca Andreoli, Maura Delpero, Santiago Fondevila, Leonardo Guerra Seràgnoli

Produktionsland:

Italien, Frankreich, Belgien

Verleih:

Piffl Medien

Kamera:

Michail Kritschman

Kinostart:

24.7.2025

Copyright Neue Visionen Filmverleih

WILMA WILL MEHR

Ja, sie will mehr. Wilma ist eine dieser Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen, trotz Kündigung und Arbeitslosigkeit, Zeugnissen, die 10 Jahre nach der Wende nichts mehr wert sind und einem Ehemann, der sie mit der Kollegin betrügt.

Fritzi Haberlandt spielt Wilma und sie ist wieder ein Ereignis. Authentisch, präsent und in jeder Szene überraschend, ist sie der Mittelpunkt in diesem komisch – tragischen Film über die Wendezeit.

Wilma, ist ein Multitalent, Elektrikerin, Schlosserin, Maschinisten, immer wieder hat sie sich qualifiziert und weitergebildet. Aber das Land, aus dem sie kommt, die DDR, gibt es nicht mehr. Ihre Heimat ist die Lausitz, der Strukturwandel ist hart, die früheren Betriebe wurden abgewickelt. Als die Mitvierzigerin auch noch im Baumarkt, in dem sie schließlich arbeitet, gekündigt wird, steht ihr Entschluss fest: sie wandert aus, geht nach Wien.

Regisseurin Maren-Kea Freese hat sich bereits in zwei Filmen (ZOE (1999), und WAS ICH VON IHR WEISS (2005), mit Frauen beschäftigt, die nach Verlusterfahrungen einen Neuanfang suchen.

WILMA WILL MEHR ist der dritte Teil der Trilogie. Für den Film reiste die Regisseurin viele Male in die Lausitz, sprach mit den Frauen, den ehemaligen Werkarbeiterinnen der Region, und sammelte Stoff für ihre Geschichte. 

Freese selbst stammt aus Westdeutschland. Sie lebte viele Jahre in West-Berlin, nahe der Mauer und war, wie sie sagt, „schon immer fasziniert, von der Selbstständigkeit und dem Selbstbewusstsein der ostdeutschen Frauen, speziell der Frauen in technischen Berufen.

Die Wende, die Situation der Menschen im Osten, damals und heute – das ist schon oft verfilmt worden. Neben Komödien GO TRABI GO (1991, Peter Timm) GOOD BYE LENIN (2003, Wolfgang Becker), gab es Dramen DAS LEBEN DER ANDEREN (2006, Florian Henkel von Donnersmarck), Filme über den Strukturwandel IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS, (2017, Matti Geschonneck) und eindringliche Künstlerbiografien GUNDERMANN (2018, Andreas Dresen).

WILMA WILL MEHR erzählt uns also nichts wirklich Neues aus der Zeit der Wende und manchmal schrammt der Film nur knapp an der Klischeefalle vorbei. Aber wie dieser „Heimatfilm“ seine Geschichte erzählt, als Culture-Clash Dramödie zwischen der Lausitz und Wien mit gewitzten Dialogen, ist sehenswert.

Es macht Spaß, Wilma zu folgen. Wir sehen sie auf dem Wiener Schwarzmarkt für Arbeiter der Elektrobranche, herrlich, wie sie sich souverän in der harten Männerdomäne behauptet. Auf dem Arbeitsamt eröffnet sie der desillusionierten Vermittlerin sie sei „Maschinist, Elektriker und Schlosser mit Führungsqualitäten aus Brigadezeiten.“ In ihrer neuen Wiener WG erklärt sie der links – feministischen Literaturprofessorin lakonisch: „Am Ende war die Vereinbarkeit von Beruf und Familie doch nur eine Doppelschicht für uns Frauen“. 

Diese Mischung aus Selbstbewusstsein, Trotz und Klugheit, Fritzi Haberlandt alias Wilma erfasst jede Nuance ihrer Figur, trägt den Film und hält ihn zusammen.

WILMA WILL MEHR – eine erfrischende, so gar nicht larmoyante Culture-Clash Komödie ohne Nostalgiegeklimper.

Filmtitel:

WILMA WILL MEHR

Regie:

Maren-Kea Freese

Drehbuch:

Maren-Kea Freese

Kamera:

Michael Kotschi

Produktion:

Heino Deckert, Tina Börner, Katharina Bergfeld

Produktionsland:

Deutschland

Verleih:

Neue Visionen Filmverleih

Kinostart:

31.7.2025

copyright Tobis Film
copyright Piffl Medien
Copyright Neue Visionen Filmverleih

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