Ja, sie will mehr. Wilma ist eine dieser Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen, trotz Kündigung und Arbeitslosigkeit, Zeugnissen, die 10 Jahre nach der Wende nichts mehr wert sind und einem Ehemann, der sie mit der Kollegin betrügt.
Fritzi Haberlandt spielt Wilma und sie ist wieder ein Ereignis. Authentisch, präsent und in jeder Szene überraschend, ist sie der Mittelpunkt in diesem komisch – tragischen Film über die Wendezeit.
Wilma, ist ein Multitalent, Elektrikerin, Schlosserin, Maschinisten, immer wieder hat sie sich qualifiziert und weitergebildet. Aber das Land, aus dem sie kommt, die DDR, gibt es nicht mehr. Ihre Heimat ist die Lausitz, der Strukturwandel ist hart, die früheren Betriebe wurden abgewickelt. Als die Mitvierzigerin auch noch im Baumarkt, in dem sie schließlich arbeitet, gekündigt wird, steht ihr Entschluss fest: sie wandert aus, geht nach Wien.
Regisseurin Maren-Kea Freese hat sich bereits in zwei Filmen (ZOE (1999), und WAS ICH VON IHR WEISS (2005), mit Frauen beschäftigt, die nach Verlusterfahrungen einen Neuanfang suchen.
WILMA WILL MEHR ist der dritte Teil der Trilogie. Für den Film reiste die Regisseurin viele Male in die Lausitz, sprach mit den Frauen, den ehemaligen Werkarbeiterinnen der Region, und sammelte Stoff für ihre Geschichte.
Freese selbst stammt aus Westdeutschland. Sie lebte viele Jahre in West-Berlin, nahe der Mauer und war, wie sie sagt, „schon immer fasziniert, von der Selbstständigkeit und dem Selbstbewusstsein der ostdeutschen Frauen, speziell der Frauen in technischen Berufen.“
Die Wende, die Situation der Menschen im Osten, damals und heute – das ist schon oft verfilmt worden. Neben Komödien GO TRABI GO (1991, Peter Timm) GOOD BYE LENIN (2003, Wolfgang Becker), gab es Dramen DAS LEBEN DER ANDEREN (2006, Florian Henkel von Donnersmarck), Filme über den Strukturwandel IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS, (2017, Matti Geschonneck) und eindringliche Künstlerbiografien GUNDERMANN (2018, Andreas Dresen).
WILMA WILL MEHR erzählt uns also nichts wirklich Neues aus der Zeit der Wende und manchmal schrammt der Film nur knapp an der Klischeefalle vorbei. Aber wie dieser „Heimatfilm“ seine Geschichte erzählt, als Culture-Clash Dramödie zwischen der Lausitz und Wien mit gewitzten Dialogen, ist sehenswert.
Es macht Spaß, Wilma zu folgen. Wir sehen sie auf dem Wiener Schwarzmarkt für Arbeiter der Elektrobranche, herrlich, wie sie sich souverän in der harten Männerdomäne behauptet. Auf dem Arbeitsamt eröffnet sie der desillusionierten Vermittlerin sie sei „Maschinist, Elektriker und Schlosser mit Führungsqualitäten aus Brigadezeiten.“ In ihrer neuen Wiener WG erklärt sie der links – feministischen Literaturprofessorin lakonisch: „Am Ende war die Vereinbarkeit von Beruf und Familie doch nur eine Doppelschicht für uns Frauen“.
Diese Mischung aus Selbstbewusstsein, Trotz und Klugheit, Fritzi Haberlandt alias Wilma erfasst jede Nuance ihrer Figur, trägt den Film und hält ihn zusammen.
WILMA WILL MEHR – eine erfrischende, so gar nicht larmoyante Culture-Clash Komödie ohne Nostalgiegeklimper.