FILMKRITK:
IN DIE SONNE SCHAUEN

Regie: Mascha Schilinski

 I ´d rather people feel a film before understanding „Ich möchte, dass die Leute einen Film zuerst fühlen, bevor sie ihn verstehen“, dieses Zitat von Regisseur Robert Bresson hat Mascha Schilinski als Antwort auf die Frage gewählt, was sie sich für ihren Film wünscht.

IN DIE SONNE SCHAUEN ist ein Film, der den Zuschauer unmittelbar emotional trifft. Es ist ein Drama, das durch die Zeit hindurchblickt, der Versuch, das Kino von traditionellen Erzählformen zu lösen.

In assoziativen Bildern, die an Traumerleben erinnern, entfaltet die Regisseurin eine Zeitreise durch ein Jahrhundert deutscher Geschichte: vom Kaiserreich über den zweiten Weltkrieg, die Zeit der deutschen Teilung bis zu Gegenwart.

Der Film erzählt von vier Frauen aus unterschiedlichen Epochen. Sie alle verbindet, dass sie am gleichen Ort gelebt haben oder leben: in einem abgeschiedenen Vierseitenhof in der Altmark, Sachsen Anhalt.
Die siebenjährige Alma (Hanna Heckt) erleben wir dort im ausgehenden Kaiserreich. Es ist eine beklemmende Atmosphäre geprägt durch religiösen und sozialen Zwang in einer streng patriarchalischen Familie.
Erika (Lea Drinda) lernen wir auf dem Hof in den letzten Kriegstagen der 40iger Jahre kennen. 

Die pubertierende Angelika (Lena Urzendowsky) wächst in der DDR der achtziger Jahre auf, vom Wendegeist ist noch nichts zu spüren.
Und Nelly (Zoe Baier) schauen wir dabei zu, wie sie in der heutigen Zeit mit ihren Eltern den Hof wiederentdeckt. Er wird jetzt zum edlen Feriendomizil umgebaut.

Es gibt keine lineare Handlung im Film. Die Zeitebenen überschneiden sich, springen zwischen den Protagonist:innen hin und her, laufen scheinbar willkürlich ineinander. IN DIE SONNE SCHAUEN vermeidet einen stringenten Erzählbogen, es sind nicht die großen Handlungen, sondern kleine Begegnungen, Episoden, die uns die Figuren näherbringen: Blicke durchs Schlüsselloch, Geheimnisse, Rätselhaftes, das sich bisweilen nicht gänzlich erschließt.

So wie Erikas morbide Faszination für ihren Onkel, dessen Unterschenkel amputiert wurde – ein brutaler Akt der Familie, ihn auf diese Weise dem Krieg zu entziehen. Erikas Besessenheit reicht so weit, dass sie zahlreiche Zeichnungen von ihm anfertigt, versucht, selbst auf Krücken zu gehen und nachts in sein Zimmer schleicht, um ihn schlafend zu betrachten.

Wir beobachten die kleine Alma, die auf einem Foto die verstorbene Schwester entdeckt. Sie sieht genauso aus wie sie selbst und nun glaubt Alma, dass sie auch sterben muss. Tod ist allgegenwärtig und noch nicht aus dem Leben der Familien ausgegliedert. So schauen wir mit Alma zu, wie der verstorbenen Großmutter der Mund zugebunden wird, damit keine Fliege hineinfliegt.

Wir folgen Angelika und einem Freund bei Mondschein nachts über einen Feldweg, atemlos, enthusiastisch sprinten sie durch die Nacht, nur wenige Meter vor der deutsch-deutschen Grenze.

Nelly wächst in einer harmonischen Umgebung in Geborgenheit auf und doch plagen sie intensive Träume. Es scheint, als würde die Last der Vergangenheit sie berühren und einholen.

Schon bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes erregte IN DIE SONNE SCHAUEN Aufsehen und wurde mit dem Preis der Jury geehrt. Eine Sensation: ein deutscher Film, die zweite Arbeit einer jungen Regisseurin, gewinnt einen der wichtigsten Preise des Festivals.

Jetzt hat der Film auch noch Chancen auf den „Oscar für den besten internationalen Film“. Letzte Woche wurde das Drama von GERMAN FILMS für die Academy Awards 2026 vorgeschlagen Die Short List für die Kategorie des besten internationalen Films wird am 16. Dezember verkündet. Aus der Short List werden dann die fünf Nominierten ausgewählt und am 22. Januar nächsten Jahres bekannt gegeben – es könnte spannend werden.

IN DIE SONNE SCHAUEN thematisiert nicht nur ein Jahrhundert deutscher Geschichte, der Film zeigt auch, wie Traumata über Generationen hinweg weiter wirken können. Im Fokus: die Frauen, ihr Erleben, ihre Wahrnehmung. In ihren Blicken spiegeln sich die Zeiten. Verdrängte Sehnsüchte, häusliche Gewalt, Unterdrückung und Anpassung scheinen in den folgenden Generationen weiter zu gären: ein Kindstod, der Selbstmord einer Schwester, die Verstümmlung des Onkels. Die Frauen leben zu unterschiedlichen Zeiten und doch scheinen sie durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden zu sein.

Mascha Schilinski sagt zu diesem Ansatz:
„Obwohl durch die Zeit voneinander getrennt, beginnen sich die Leben der Mädchen gegenseitig zu spiegeln. Dabei ging es für uns um die Frage, was sich durch die Zeiten hindurch in unser Körpergedächtnis einbrennt. Was bestimmt uns, ohne dass wir eine Ahnung davon haben, weil es lange vor unserer eigenen Geburt geschehen ist? Und was blickt uns aus der Zeit heraus, vielleicht sogar aus der Zukunft an?… Es geht auch um die Frage, was eventuell in unseren Körpern eingraviert ist, was vielleicht lange vor unserer Geburt geschah. Die kleinen Momente dazwischen. Die leisen inneren Beben, die im Verborgenen geschehen, die stets unentdeckt bleiben, weil es keine Worte für sie gibt. Momente, in denen die Figuren aus dem Benennbaren dieser Welt herausfallen, nicht mehr wissend, ob sie den Moment nur geträumt oder wirklich erlebt haben.“

Eine Fotografie, um 1920 aufgenommen, war die Inspiration zu dem Film. Mascha Schilinski und ihre Co-Autorin Louise Peter verbrachten einen Sommer in der Altmark, um Drehbücher zu entwickeln. Sie lebten auf dem Hof, der später auch zum zentralen Drehort des Films wurde. Dort entdeckten sie das Bild, eine Fotografie, die drei Frauen unterschiedlichen Alters zeigte. Ein Foto, das wie ein Schnappschuss wirkt, die Frauen, umgeben von Hühnern, schauen in ihren Arbeitskitteln direkt in die Kamera.
Dieser Blick der Frauen machte etwas mit uns“, sagt Mascha Schilinski, „weil er so unmittelbar zu uns sprach. Wir standen auf der anderen Seite, in unserer Gegenwart, als würden diese Frauen die vierte Wand durchbrechen und uns direkt anschauen“.
Über drei Jahre entwickelten Mascha Schilinski und Louise Peter das Drehbuch. Besonders reizte sie dabei, dass der Film mit der Möglichkeit spielt, die einem im echten Leben verwehrt bleibt: „Einen Blick hineinzuwerfen, in ein Davor und ein Danach.

Die Episoden des Films verdichten sich in kleinen Sequenzen aus verschieden Zeitepochen zu einem großen Ganzen. Das erzeugt eine Intensität, die vor allem sinnlich erfahrbar ist – ein berauschender Bogen der Geschichte und der Vergänglichkeit.

Gleichzeitig zeigt der Film, wie radikal sich das Leben und die Arbeitsbedingungen der Menschen in hundert Jahren verändert haben: in den 20ern sind es die streng geregelten Tagesabläufe in der bäuerlichen Großfamilie zu der auch Mägde und Knechte gehörten.
Einschränkungen, Kriegsnot und Mangelverwaltung im Zweiten Weltkrieg,
LPG-Bewirtschaftung im verordneten Gemeinwesen zu Zeiten der DDR und schließlich: Freizeitgestaltung im neuen Wochenendhaus, das zu einem Prestigeobjekt umgebaut wird.

Formal schöpft der Film aus vielen Quellen. Im 4:3 Bildformat schauen wir durch Schlüssellöcher und Türspalten, eine Handkamera beobachtet die Protagonist:innen gern von hinten. Daneben klaustrophobische Innenaufnahmen der Stube in Sepia, Fahrten, Unschärfen, Bilder, in denen die Protagonist:innen auf dem Kopf stehen, Nahaufnahmen von einer seltenen gesehenen Intensität.
Kameramann Fabian Camper kreiert aber auch großartige Panoramaaufnahmen und atmosphärische Naturimpressionen in einer Landschaft, in der die Menschen ganz klein werden. Und der Ton spielt mit, da knistert, raschelt, brummt es, Holzpantinen klackern auf Fliesen, Türscharniere entwickeln ihren eigenen Sound.

Es ist nach DIE TOCHTER (2017) der zweite Spielfilm von Mascha Schilinski, realisiert mit einem knappen Budget von 1.6 Millionen Euro in 34 Drehtagen – eine Herausforderung und eine große logistische Leistung. Da alle Szenen am gleichen Ort spielen, musste genau geplant und entsprechend umgebaut werden. Die Atmosphäre am Set war hoch konzentriert, das ganze Dorf unterstützte die Dreharbeiten. Die Anstrengung und der lange Atem haben sich gelohnt.

IN DIE SONNE SCHAUEN ist ein Ereignis. Der Film stellt Sehgewohnheiten auf den Kopf, verwirrt und berührt und lässt die Zuschauer tief eintauchen in das Leben seiner Figuren. Eine sinnliche Erfahrung, die weit über die Leinwand hinaus nachwirkt.

Filmtitel:

IN DIE SONNE SCHAUEN

Regie:

Mascha Schilinski

Drehbuch:

Mascha Schilinski, Louise Peter

Kamera:

Fabian Gamper

Ton:

Claudio Demel

Produktion:

Lucas Schmidt, Lasse Scharpen, Maren Schmitt

Produktionsland:

Deutschland

Verleih:

Neue Visionen Filmverleih

Länge:

149 Minuten

dt. Kinostart:

28.08.2025

Copyright Studio Central
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