Dalíland Filmkritik

Dalíland Filmkritik

Salvador Dalí, das Künstlergenie, ein schillernder Star, aber auch ein launenhafter Exzentriker, ein alternder Kindskopf – so sehen ihn die Regisseurin Mary Harron (AMERICAN PSYCHO, I SHOT ANDY WARHOL) und ihr Drehbuchautor und Ehemann John C. Walsh (A MIDWINTER`S NIGHT`S DREAM)

In ihrem Film Dalíland haben sie sich die Spätphase des Künstlers vorgenommen. Die Geschichte ist in New York und in Spanien angesiedelt, der Fokus liegt auf der ungewöhnlichen und faszinierenden Ehe zwischen Dalí und seiner Ehegattin Gala. Dalí in den 70er Jahren, er ist inzwischen einer der bekanntesten Künstler weltweit, verehrt und gefeiert, aber seine große Schaffenszeit neigt sich langsam dem Ende zu. Er hadert mit seinem Alter und der Endlichkeit des Lebens und gerade darum stürzt er sich in ausschweifende Partys, in eine pompöse, künstlich arrangierte Glitzerwelt.

John C. Walsh, Drehbuch
Was ich an der vorliegenden Geschichte, mit der wir arbeiteten, am überzeugendsten fand, war Dalís Angst vor dem Tod. Das machte ihn sehr menschlich. Es war wichtig, die Person hinter der Fassade zu zeigen und Elemente in ihm zu finden, mit denen sich jeder identifizieren kann. Wir waren uns einig, dass dies kein klassisches Biopic werden dürfte. Dalís Leben und Karriere erstreckten sich über sechs Jahrzehnte. Das in einen zweistündigen Film zu pressen, wäre unmöglich. So beschlossen wir, den Zeitrahmen kurz zu halten und den Schwerpunkt nicht so sehr auf den Künstler, sondern auf den Menschen Salvador Dalí zu legen.

Es ist das Jahr 1973, Dalí verbringt zusammen mit seiner Ehefrau, Managerin und Muse Gala einige Monate im St. Regis Hotel in New York. Eine Ausstellung ist geplant, doch statt zu malen, gibt der alternde Künstler lieber rauschhafte Feste umgeben von Models, Filmstars und Avantgardisten – eine Mischung aus High Society, Kunstwelt und kreativer Punkszene. Da tauchen der junge Alice Cooper auf, charmant gespielt von Mark McKenna, und die Travestieikone Amanda Lear (Andreja Pejic), da fließt der Champagner; Kaviar, Sex und Koks führen direkt ins Dalíland. Um den Zuschauer nah an diese schillernde Welt heranzuführen, haben sich Walsh und Harron eine fiktive Figur erdacht, die diesen Kosmos zum ersten Mal erlebt: den jungen, wunderschönen James (Christopher Briney). Nach abgebrochenem Kunststudium arbeitet er als Assistent für einen New Yorker Galeristen bis er Dalí kennenlernen darf und zu seinem persönlichen „Laufburschen“ aufsteigt. Durch seine erstaunten Augen betrachten wir Dalíland. James soll das Publikum in die exzentrische Künstlerszene mitnehmen. Leider bleibt seine Figur dramaturgisch und auch darstellerisch eher blass.

Regisseurin Harron macht es sichtlich Spaß, dieses New York der Künstler und Avantgardisten in den 70ern zu inszenieren. Mit 22 Jahren erlebte sie diese Szene hautnah mit. Und so wirkt diese Scheinwelt im Film nicht aufgesetzt, sondern authentisch und ist mit viel Liebe zum Detail und einer aufwendigen Ausstattung überzeugend nachempfunden.

Es ist erstaunlicherweise erst das zweite Biopic über Salvador Dalí (1909-1989). Über das Leben seines Künstlerkollegen Vincent Van Gogh, der 56 Jahre früher geboren wurde, gibt es bereits zahllose Filme, der nächste folgt bestimmt.

Salvador Dalí, der Visionär – Maler, Grafiker, Schriftsteller, Bildhauer und Bühnenbildner. Dalí war einer der zentralen Vertreter des Surrealismus, er zählt zu den bekanntesten Malern des 20 Jahrhunderts. Seine Werke wie die schmelzenden Uhren oder die brennende Giraffe sind weltweit bekannt, haben sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben. Auch Filmemacher suchten seine Inspiration, er schuf visionäre Bilder für Luis Bunuels Filme EIN ANDALUSISCHER HUND und DAS GOLDENE ZEITALER, in Hitchcocks Psychothriller ICH KÄMPFE UM DICH war er verantwortlich für die Traumsequenz.

2008 kam das erste Biopic über Salvador Dalí auf die Leinwand LITTLE ASHES. Regisseur Paul Morrison nahm das Leben des jungen Dalí in den Fokus, Robert Pattinson spielte die Hauptrolle.

Jetzt also der alternde Dalí, gespielt von Sir Ben Kingsley. Kingsley vereint in dieser Figur die Mischung aus Exzentrik und perfekter Selbstinszenierung, zeigt aber auch das narzisstische große Kind zwischen Genie und Wahnsinn, Obsession und Todesangst. Wenn er sorgsam seinen berühmten Schnurbart striegelt und sich in Großaufnahme die ganze Palette seiner Emotionen nur in den Augen spiegelt, ist das schon faszinierend anzuschauen.

Sir Ben Kingsley, Schauspieler
„Ich erinnere mich, dass Peter Brook mir sagte, dass ein Schauspieler immer einen Aspekt einer Figur finden muss, der größer ist als er selbst. Dass man auf etwas zugehen muss, und bei Dalí war es so, als würde man in eine massive spanische Rüstung steigen. Weit größer als meine Silhouette, meine geistige Kapazität, meine Vorstellungskraft, meine Leidenschaften …Ich brauchte eine gewisse Distanz und musste metaphorisch gesehen am Ende eines Tages meine Pinsel weglegen und die Farbe von meinen Händen abwischen. Ich musste auch vermeiden, meine Figur zu beurteilen. Es gibt viele Bände, in denen Dalí unfreundlich oder abschätzig beurteilt wird. Ich war ein Bewahrer seines Charakters. Ich porträtiere ihn. Ich male sein Porträt, aber ich habe mich nie dabei ertappt, ihn zu verurteilen.“

Kingsley zur Seite steht Barbara Sukowa als seine Ehefrau. Gala, von Zeitzeugen oft als herrschsüchtig und tyrannisch beschrieben, wird von Barbara Sukowa in feinen Nuancierungen gespielt. Sie ist eben nicht nur die lüsterne, hysterische, dominante Diva, die sich ihre jüngeren Geliebten hält, sondern auch die Ehefrau, die sich um Dalí kümmert und ihr Leben diesem Genie gewidmet hat.

Das Zusammenspiel dieser beiden großen Schauspieler macht diesen Film allein schon sehenswert. Szenen einer langen Ehe, Eifersucht, Eitelkeit, Konkurrenz, die ganz Palette, aber immer auch die gegenseitige Sorge und Fürsorge für den anderen – das reizen Sukowa und Kingsley in allen Variationen aus.

Mary Harron, Regie
„Die Besetzung ist der wesentliche Bestandteil eines Films. Es sind schon viele Filme durch eine schlechte Besetzung zu Grunde gegangen. Ich würde eher von einem Filmprojekt Abstand nehmen, als Leute zu besetzen, zu denen mich kommerzielle Erwägungen zwingen Ich muss an die Leute, die ich besetzte, wirklich glauben. Hier waren die Produzenten von Dalíland verständnisvoll. Ich konnte genau die besetzen, die ich wollte.“

In Rückblenden streift Harron das Leben des jungen Dalí (Ezra Miller). Visuell interessant umgesetzt, lässt sie den alternden Dalí am Bildrand sein jüngeres alter Ego beobachten.
In einer Rückblende sieht der Zuschauer die erste Begegnung zwischen Dalí und Gala (Avital Lvova). Es ist Liebe auf den ersten Blick, er fällt ihr bildlich zu Füßen – eine lebenslange Allianz ist besiegelt. Eine weitere Rückschau zeigt den Künstler am Meer, verzweifelt auf eine Inspiration wartend. Es ist heiß, die Stille erdrückend, die Hitze nimmt immer weiter zu, der Käse schmilzt, die Uhr scheint sich zu dehnen. Da ist es, eines der bekanntesten Werke von Dalí “Die Beständigkeit der Erinnerung“.

Es ist unmöglich, die komplexe Laufbahn einer Künstlerikone wie Dalí in einem Film zu fassen. Die Verdichtung auf eine Lebensphase, in diesem Fall den alternden Dalí, ist eine Option. Doch mir fehlt in dem Biopic die künstlerische Auseinandersetzung mit Dalís Werk und Wirken. Einer der Gründe ist mit Sicherheit, dass die „Gala-Salvador Dalí Foundation“ das Biopic nicht unterstützt hat und die Darstellung der Kunstwerke untersagte.
Und so blendet der Film vieles aus. Dalís künstlerische Karriere thematisiert das Biopic nur am Rande, einige Erzählstränge werden nicht zu Ende erzählt. So wie der Fälscher-Skandal um die Dalí-Grafiken, an dem der Künstler nicht ganz unschuldig war.
Salvador Dalí setzte sich immer wieder heftig und teils auch widersprüchlich mit den Themen Kunst, Politik und Gesellschaft auseinander. Er provozierte, reagierte, lästerte über moderne Kunst und eckte an mit seiner angeblichen Vorliebe für faschistische Führer. Im Film reduziert sich seine streitbare Persönlichkeit auf ironische Zitate, etwa wenn Dalí über die zeitgenössische Kunst lästert in der „die Künstler die Farbe direkt aus der Tube auf die Leinwand spritzen“.

Doch es bleibt das Eintauchen in eine vergangene Kunstepoche mit ihren charismatischen Antihelden. Mit seiner opulenten Bild Sprache, den größtenteils überzeugenden Schauspielern und der glanzvollen Ausstattung hat mich der Film mitgenommen. Ein Mosaikstein aus dem widersprüchlichen Kosmos des Salvador Dalí.

Dalíland
Regie: Mary Harron
Drehbuch: John C. Walsh
Verleih: SquareOne Entertainment
Filmstart: 7. September 2023
© SquareOne Entertainment
© SquareOne Entertainment
© SquareOne Entertainment
© SquareOne Entertainment
© SquareOne Entertainment

Meine Bewertung:

3/5

3/5

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